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01.06.03 / 00:11
Heft 11/2003 Zahnmedizin
15. Jtg. des AK Psychologie und Psychosomatik in der ZHK

Zusammenhang zwischen Ästhetik und Psychologie

Das Generalthema der diesjährigen Tagung des Arbeitskreises Psychologie und Psychosomatik in der Zahnheilkunde lautete: Psychologie und Ästhetik – Anspruch und Wirklichkeit. Angesichts des jüngsten Urteils des Berliner Finanzgerichtes zur Umsatzsteuerpflicht „medizinisch nicht indizierter Leistungen“ durchaus ein brisantes Thema.




Dr. Annerose Meischner-Metge, Leipzig, stellte in ihrem Einführungsreferat einen bedeutenden Gelehrten des 19. Jahrhunderts vor, der als Begründer der experimentellen Ästhetik gilt: Gustav Theodor Fechner, den meisten naturwissenschaftlich Ausgebildeten durch das „Weber-Fechnersche Gesetz“ bekannt. Damit war der Bezug von Tagungsort und Tagungsthema zwanglos gegeben: Fechner lebte und lehrte lange Zeit in Leipzig, wurde 1883 dort Ehrenbürger.

Prof. Jean-François Roulet, der jüngst von der Berliner Charité in die Industrie-Forschung wechselte, betonte die heutzutage allzu oft vergessene Regel: Ziel der zahnmedizinischen Ästhetik ist nicht primär „Schönheit“ sondern „natürliches“ Aussehen, das durch nicht wahrnehmbare Korrekturen erzeugt wird. Er verneinte die Gleichsetzung von Ästhetik und Luxus. Durch seine Definition als Wiederherstellung der Natürlichkeit erklärte er die ästhetische Zahnmedizin ausdrücklich als Beitrag zur Gesundheit nach WHO-Definition und grenzte sie von Menschen verändernden Eingriffen ab. Als ehemaliger Ordinarius für Zahnerhaltung betrachtete er das Thema Ästhetik neben dem berufspolitischen Aspekt natürlich auch aus technischer Sicht. Mit modernen Materialien seien perfekte Ergebnisse nur erzielbar, so der Referent, wenn der Zahnarzt die jeweiligen optischen Eigenschaften kenne und beispielsweise auch in der Lage sei, „keramisch zu denken“.

Schönere Zähne machen erfolgreichere Menschen

Dr. Jutta Margraf-Stiksrud, Marburg, untersuchte, ob eine zahnärztlich-ästhetische Behandlung durch Verbesserung der sozialen Anerkennung zur psychischen Gesundheit, zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität beitragen kann. Denn schließlich gehöre nunmehr auch das „sozial ansprechende Lächeln“ zur Mundgesundheitsdefinition. Sie wies darauf hin, dass Attraktivität automatisch mit den Attributen „liebenswert, gut, klug“ gekoppelt werde. Attraktive würden besser behandelt, zum Beispiel weniger streng bestraft oder auch besser bezahlt, sie haben Lebensvorteile! Es zeige sich, so die Referentin, dass weniger attraktive Menschen auch mit weniger Augenkontakten und Gesprächen bedacht würden. Bei der Bewertung der Zähne als Attraktivitätsfaktor stellte sich heraus, dass sie abgesehen von den sofort sichtbaren Aspekten weniger wichtiger waren. Dabei erschien die Zahnfarbe wichtiger als die Zahnstellung. Andererseits seien unattraktive Zähne bei Kindern der häufigste Grund für Hänseleien. Die Frage aber, ob sich attraktive Menschen auch selbst besser fühlten, wurde verneint, relevant hierfür sei die subjektive Attraktivität, die deutlich von der objektiven abweichen könne. Die interessante Schlussfolgerung war, dass das Ziel ästhetischer Verbesserung nicht die sprichwörtliche Bild-Schönheit wäre, sondern ein durchschnittliches, dem sozialen Standard angepasstes Aussehen. Damit wird eine ausreichende Zuwendung durch wichtige Bezugspersonen ermöglicht. Ein spezielles Problem stellten dagegen die körperdysmorphen Störungen (Dysmorphophobie) dar, hier dürfe keineswegs der Versuch einer „ästhetischen Therapie“ unternommen werden. Anzeichen für ein solches Geschehen könnten unter anderem eine zwanghafte Beschäftigung mit einem vermuteten Makel, nicht mit dem Befund korrelierende Beschwerden und eine deutliche Trennung von Ästhetik und Funktion sein.

Dr. Inge Staehle und cand. med. dent. Katrin Stingel untersuchten an der Erlanger Zahnklinik den Bedarf an Zahn-Ästhetik: 80 Prozent der Beteiligten hielten die Zähne für funktionell wichtig, nur 79 Prozent stellten das allgemeine Wohlbefinden in den Vordergrund. Die Autorinnen unterteilten die Probanden anschließend in drei Gruppen:

a) Schmerzfreie und Patienten mit akuten Schmerzen,

b) Patienten mit craniomandibulären Dysfunktionen und

c) Patienten mit psychogener Zahnersatz-Unverträglichkeit und mit somatoformen Schmerzstörungen, und

fragten nach der Wichtigkeit der Ästhetik des Gesichts, der Zähne, der Figur und nach der Wichtigkeit der Zähne für das allgemeine Wohlbefinden. Interessanterweise fand sich nur ein signifikanter Unterschied: Für die chronischen Schmerzpatienten der Gruppe c (die also längerfristig auf ihre Zähne fokussiert sind) waren die Zähne eindeutig wichtiger für das Wohlbefinden als für die Ästhetik. Ästhetische Verbesserungen sind in dieser Gruppe also wenig hilfreich, statt dessen sollte hier eine Wahrnehmungschulung stattfinden.

Cand. med. dent. Judith Karbe, Leipzig, berichtete von dem Zusammenhang zwischen ästhetischem Empfinden und der Mundhygienemotivation bei 200 Brandenburger Jugendlichen. 50 Prozent hatten ein stark ausgeprägtes ästhetisches Empfinden (mehr Mädchen als Jungen), nur bei 19 Prozent war dies nicht oder nur gering ausgeprägt. Diese Einstellung bestätigte sich im positiven Hygieneverhalten. Insgesamt zeigte sich aber auch, dass die Aufklärung über Mundhygiene noch unzureichend sei.

Eine ähnliche Untersuchung bei Lippen-Kiefer-Gaumen-Spaltpatienten präsentierte Dr. Anja Kirchberg, Leipzig. Im Vergleich zu einer gleichaltrigen Gruppe waren für die Spaltträger gesunde Zähne deutlich wichtiger und die sonst üblichen geschlechtsspezifischen Unterschiede traten nicht auf. Spaltträger zeigten eine höhere Selbstaufmerksamkeit. Sie strebten deutlich weniger in Berufe mit viel Kommunikation. Schlussfolgernd wurde gefordert, das Behandlungsteam um eine intensive psychotherapeutische Kompetenz zu erweitern.

Einigen Protest erzeugte PD Dr. Ulrich Klages, Mainz, beim Publikum mit der Bemerkung, die Kieferorthopädie sei DIE Ästhetik-Disziplin schlechthin. Immerhin konnte er zeigen, dass die Meinung „Was schön ist, ist gut“ sehr weit verbreitet ist. Das dentale Selbstvertrauen läge in der Regel unter 45 Prozent, es sinke schon bei minimalen Abweichungen der für ideal gehaltenen Zahnstellung. Mit verschiedenen validierten Fragebögen fand Klages unter anderem, dass sich die Befragten, die der dentalen Ästhetik eine hohe Bedeutung zumaßen, bei leichten Fehlstellungen auch am stärksten sozial beeinträchtigt fühlten.

Mit der Motivation bei jüngeren Vorschulkindern befasste sich Dr. Ina Paul, Leipzig. Sie verglich den Nutzen der allgemein üblichen Mundhygiene-Demonstration an überdimensionierten Gebissmodellen mit drei Alternativmethoden. Dabei stellte sich heraus, dass die Kinder nach der Modelldemonstration am wenigsten in der Lage waren, die Zahnputzbewegungen auf sich zu übertragen. Am besten konnten sie dies von einer beliebten Modellperson seitengleich und vor einem Spiegel übertragen. Nachdem bei Erwachsenen ein ähnliches Ergebnis gefunden wurde, dürfen die bis vor kurzem als Standardmethode geltenden Demonstrationsmodelle wohl nun getrost „entsorgt“ werden.

Marketing im ZMK-Studium erlernen

Dem Aspekt der Kommunikation Zahnarzt-Patient widmete sich die Dipl.-Psychologie Marie-Luise Metzger, Aachen. Sie berichtete von einer speziellen Trainingsmethode für die Aachener Zahnmedizinstudenten, mit der sie auf den später in eigener Praxis notwendigen Komplex Marketing-Verkauf-Dienstleistung vorbereitet werden. Mit Hilfe von videoaufgezeichneten Rollenspielen übten die Studenten des 6. Semesters Echtheit, Wertschätzung und einfühlsames Verstehen in der Gesprächsführung. Sie wurden mit der Wirkung des eigenen Verhaltens konfrontiert und bewerteten schließlich trotz vieler Bloßstellungsängste den Kurs deutlich positiv. Voraussetzung für das Gelingen solcher Veranstaltungen ist aber neben ausreichender Motivation der Teilnehmer die Leitung durch einen professionellen Trainer.

Dem Thema Angst beim Zahnarzt widmeten sich zwei Beiträge: Dr. Elisabeth v. Mezynski, Berlin, berichtete aus ihrer spezialisierten Praxis, in der Angstpatienten die Hälfte des Klientels ausmachen. PD Dr. Peter Jöhren, Bochum/Witten-Herdecke, untersuchte die Prädiktoren für einen Behandlungsabbruch bei Zahnbehandlungsphobikern. Er wies auf die von 1986 stammende „uralte“ Erkenntnis hin, dass Phobiker über die einzelnen Behandlungsschritte nur aufgeklärt werden sollten, wenn sie dies ausdrücklich wünschten. Er fand mit Hilfe einiger standardisierter Fragebögen, dass insbesondere Patienten mit hohem Kontrollbedürfnis problematisch sind.

Seine Schlussfolgerungen: Die Patienten sollten Einfluss auf die Behandlung haben können.

Psychologie und Ästhetik im Altertum

Univ. Lektor Dr. Gerhard Kreyer, Langenlois/ Österreich, zeigte anhand antiker Texte, dass man sich auch schon im klassischen Altertum mit dem Problemkreis Psychologie der Zahn-Ästhetik, Psychosomatik und psychiatrische Erscheinungen auseinandersetzte. Kreyer zitierte und übersetzte zum Beweis unter anderem Texte von Martial, Ovid, Catullus, Vergil und Horaz. Am Beispiel der sagenhaften Versteinerung der Niobe nach dem Tode aller ihrer Kinder zeigte er, wie damals schon alle psychosomatischen Bilder beschrieben wurden. Dass dann im Mittelalter viele Erkenntnisse verloren gingen und leider auch heutzutage nur schwer vermittelbar sind, kann auch an einer von Kreyer aufgedeckten falschen Übersetzung liegen: In Luthers deutscher Fassung des Matthäus-Evangelium wird das Verhalten der in die Hölle Verdammten als Heulen und „Zähneklappen“ beschrieben, woraus der Volksmund „Zähneklappern“ machte. Das Original lautet aber „stridor dentium“ und müsste mit „Zähnereiben“ übersetzt werden. Die Assoziation von Stress, Parafunktion und somatischen Beschwerden lässt sich kaum besser beschreiben.

Herzlichen Dank an PD Dr. Almuth Makuch, Leipzig, für die gelungene Tagungsorganisation.

Ausblick auf 2004

Die 16. Jahrestagung wird am 6. und 7. Februar in Witten /Herdecke unter der Leitung von Priv.-Doz. Dr. Hans-Peter Jöhren, zum Thema „Die Psychologie des älteren Patienten“ stattfinden. Nähere Informationen sind unter www.DGZMK.de zu erhalten. Informationen zum Arbeitskreis Psychologie und Psychosomatik sind über die Homepage der DGZMK, Stichwort „Arbeitskreise“ zu erfahren.

OA Dr. med. Felix Blankenstein
Universitätsklinikum Charité
Zentrum für Zahnmedizin
Abt. für Zahnärztliche Prothetik und Alterszahnmedizin
(Leiter: Prof. Dr. K.-P. Lange)
Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin



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