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16.05.09 / 00:13
Heft 10/2009 Gesellschaft
Als deutsche Zahnärztin nach China

Zwischen Freude und Frust

Die Pfälzer Zahnärztin Dr. Angelika Heel praktizierte von 2006 bis 2007 in der Union Dental Clinic, einer privaten Zahnarztpraxis in Nanjing. Für die zm skizziert sie einige persönliche berufliche Erfahrungen, die für manchen deutschen Kollegen interessant sein mögen, der selbst eine Berufstätigkeit in China in Erwägung zieht. Ihr Fazit: Man braucht viel Eigeninitiative, eine hohe Frustrationsschwelle und muss auf Sprachbarrieren und interkulturelle Unterschiede gefasst sein. Und ohne Berufshaftpflicht geht auf Dauer gar nichts.




Die deutsche Zahnärztin Dr. Angelika Heel kam über ihren Ehemann nach Nanjing, der dort beruflich für eine deutsche Firma arbeitete. Dadurch waren zumindest Hin- und Rückflug, Umzug, Unterkunft und Krankenversicherung sowie die finanzielle Basis-Unterstützung gesichert. Als ein großes Problem gestaltete sich von Anfang an das Thema Berufshaftpflichtversicherung. „Weder deutsche noch internationale Versicherer wollten das Risiko in China übernehmen.“

Grundsätzlich hatte jede Versicherung aus dem In- und Ausland Heels Antrag abgelehnt, da die zahnärztliche Tätigkeit in dem für die Versicherungen kritischen Land China lag und da es sich um einen chinesischen Arbeitgeber handelte. Die Gesetzgebung sowie die Entwicklung in China seien nicht abschätzbar und das Risiko zu hoch, hieß es zur Begründung.

In China selbst gibt es diese Versicherung nicht. So musste Angelika Heel darauf vertrauen, dass eventuelle Schadensersatzansprüche von der Klinik übernommen würden. Für Kunstfehler war dies nicht der Fall, wobei unklar ist, was in China als Kunstfehler angesehen wird. Statistiken belegten jedenfalls, laut Angaben der SOS Clinic, dass die Bereitschaft, den Arzt zu verklagen auch in China immer mehr zunehme.

Bereits im Frühsommer 2005 gab es erste vorbereitende Gespräche mit der Union Dental Clinic in Nanjing bezüglich einer Beschäftigung. Die Klinik mit mittlerweile zwei Filialen wird von zwei chinesischen Zahnärzten (Dr. Sam Li und Dr. David Lue) geführt, wobei der eine im Management und der andere zahnärztlich tätig ist. Die Klinik befindet sich im Erdgeschoss eines Fünf-Sterne-Hotels, in dem auch die weltweit agierende „SOS-International-Clinic“ betrieben wird, die die westliche medizinische Versorgung für Ausländer im Land sicherstellt.

„Als ich dann im Juni 2006 nach Nanjing kam, war nichts fertig“, berichtet Angelika Heel rückblickend. „Alle bereits geführten Gespräche und Treffen sowie die Kopien, die ich übergeben hatte, hatten zu keinem Erfolg geführt. Ich hatte noch keine Zulassung!“ Vor Ort habe sie dann behördlich erst einmal klären müssen, dass sie auch wirklich Zahnärztin sei.

Ziel der chinesischen Privatklinik war es, durch Angelika Heel mehr ausländische und auch wohlhabende, gut verdienende Patienten zu akquirieren. Eine deutsche Zahnärztin bedeute in China Qualität und höchstes Know-how, erläutert Heel und ergänzt augenzwinkernd mit Blick auf die – oft untergeordnete – Rolle der Frau in China: „Besser wäre natürlich ein männlicher Zahnarzt gewesen.“

Heel war – neben ihrer Behandlungstätigkeit – auch dafür zuständig, in der internationalen Gemeinde des Nanjing International Club, der Nanjing International School und bei ‧internationalen Firmen für Patienten zu ‧werben, Vorträge zu halten und die Klinik zu repräsentieren. Sie sollte helfen, den ‧Standard der Klinik (der ohnehin schon über dem der öffentlichen Klinik lag) noch weiter zu heben, damit diese entsprechende Behandlungspreise einfordern konnte.

Heels erster Einsatz von Kofferdam führte zu einer kleinen Sensation: „Es kam sogleich die Presse. Man berichtete mir dabei, dass ich nicht nur die erste ausländische Zahnärztin überhaupt in der gesamten Jiangsu-Provinz bin, sondern dass ich auch die erste und einzige sei, die Kofferdam benutze. Die Presse war begeistert, die Klinik ebenso.“

Was die Behandlungsabläufe angeht, so machte Angelika Heel ihre ganz eigenen Erfahrungen. Das betraf etwa den Einsatz von Lasern oder die endodontische Versorgung, was nicht unbedingt immer der westlichen gängigen Lehrmeinung entsprach. „Kunststoffbasen bei der Bissnahme in der Prothetik waren landesweit nicht aufzutreiben. So wurde mir am Termin für die Wachsbissnahme gleich schon mal die fertige Prothese mitgeliefert.“

Probleme im Praxisalltag

Schon sehr schnell zeigten sich für Angelika Heel gravierende Probleme im Praxisalltag. Das betraf etwa Aspekte der Hygiene oder des Umgangs mit Materialien und Medikamenten. So seien Händedesinfektionsmittel nicht vorhanden gewesen, beziehungsweise die Klinikleitung habe deren Gebrauch aus unbekannten Gründen nicht gewollt, berichtet die Zahnärztin. Sie behalf sich ‧damit, sich von befreundeten Geschäftsleuten entsprechende Produkte privat aus Deutschland mitbringen zu lassen.
Auch die Einhaltung von Hygienestandards sei nach westlichen Maßstäben unzureichend, kritisiert sie. Man verwende in den Privatkliniken zwar Handschuhe und Mundschutz, dennoch sei das ‧Problem Kreuzinfektionen nicht verstanden. Ebenso habe sie die Kontrolle und Wartung von Instrumenten als zweitrangig erlebt.

Materialien waren im Haltbarkeitsdatum abgelaufen oder gar nicht erst vorhanden, berichtet sie. Aus Deutschland bekannte Produkte seien oft nicht in China erhältlich. Heel nennt als Beispiel ein CO2-Spray, das aufgrund der Terrorgefahr-Richtlinien für den Transport und Import verboten sei. Materialien, die in China benutzt werden, müssten außerdem von der Regierung registriert werden. Diese Registrierung dauere rund drei Jahre, sei kostenintensiv und erfordere die hundertprozentige Offenlegung der Produktinformationen und der Rezeptur – mit entsprechenden Möglichkeiten zum Plagiat., wie deutsche Hersteller der Zahnärztin berichteten.

Auch bei der Versorgung mit Medikamenten sei mit Engpässen oder Unzulänglichkeiten zu rechnen: „Penicillin wird frei über die Ladentheke verkauft, was zu den vielen Resistenzen in der chinesischen Bevölkerung führt.“

Kultur- und Sprachbarrieren

Es ergaben sich auch Kommunikationsprobleme durch kulturelle und sprachliche Unterschiede. Zwar hatte Angelika Heel in Deutschland bereits Sprachkurse an der Universität besucht, die dort erworbenen Kenntnisse reichten aber nicht aus, um mit dem Team vor Ort fachlich zu kommunizieren. Denn in Nanjing spricht – im Gegensatz zu Shanghai oder Beijing – im Gesundheitswesen kaum jemand Englisch. Immer wieder habe es Anlässe zu Unverständnis im Team, aber auch zu Missverständnissen im Umgang mit Patienten gegeben, erläutert Heel.

Schließlich entschied sie sich, aufgrund der Brisanz durch die fehlende Berufshaftpflichtversicherung ihren Job als Zahnärztin in der Klinik aufzugeben. Jedoch nicht ganz: „Nach reiflicher Überlegung fiel es mir sehr schwer, meine dort lieb gewonnenen Patienten im Stich zu ‧lassen und sie ohne adäquate westliche zahnärztliche Versorgung zu wissen. Ich ‧beschloss, aus der Not eine Tugend zu ‧machen, betreute die ausländischen Patienten weiter und ging als Supervisor mit zu deren Behandlungs- und Beratungsterminen.“pr/ah



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