mp
16.12.08 / 00:14
Heft 24/2008 Praxis
Die Erbschaftssteuerreform steht

Zwischen Pro und Contra

Der Bundesrat hat die Reform zur Erbschaftssteuer bestätigt, die (voraussichtlich zustimmende) Entscheidung des Bundestags stand bei Redaktionsschluss an. Ob es sich bei dem Kompromiss um einen Durchbruch oder vor allem um ein Arbeitsförderprogramm für Anwälte und Steuerberater handelt, wird sich zeigen.




Die Vorgabe war eindeutig: da nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das geltende Bundesrecht ohne konsequente Änderungen Ende 2008 verfallen würde, musste die Bundesregierung handeln. Nach Ansicht der Verfassungsrichter bestand vor allem Handlungsbedarf bei der unterschiedlichen Besteuerung von Barvermögen und Aktien im Vergleich zu Immobilien, bei denen zur Ermittlung des zu versteuernden Vermögens bisher nicht der reine Verkehrswert, sondern je nach Objekt nur rund 60 bis 80 Prozent davon berücksichtigt wurden.

Das ändert sich für Erben

Pro Jahr vererben oder verschenken die Deutschen die enorme Summe von rund 130 Milliarden Euro. Die daraus resultierenden Steuern von in diesem Jahr rund 4 Milliarden Euro, die übrigens auch in den nächsten Jahren auf etwa gleichem Niveau bleiben sollen, gehen an die 16 Bundesländer.

Vor diesem Hintergrund einigte sich der Koalitionsausschuss der Bundesregierung nach mittlerweile fast zwei Jahre dauernden Unstimmigkeiten schließlich Anfang November auf eine Reform des Erbschaftssteuerund Bewertungsrechts, der Bundestag bestätigte diese Ende November. Auch der Bundesrat stimmte der Reform, die bereits am 1. Januar 2009 in Kraft treten soll, zu.

Ärzte als Praxisinhaber sollten den weiteren Verlauf der parlamentarischen Beratungen aufmerksam verfolgen, da hier steuergünstige Sonderregelungen für Kleinbetriebe möglich sind. Die Regelungen für Betriebe sehen derzeit erst einmal zwei Erbschaftssteuer- Varianten vor:

• Entweder erhalten Unternehmer den Betrieb über zehn Jahre bei konstanter Lohnsumme (1 000 Prozent über zehn Jahre) und vermeiden somit die Erbschaftssteuer,

• oder sie führen den Betrieb sieben Jahre fort und zahlen danach 15 Prozent Steuern auf das Betriebsvermögen, wenn die Lohnsumme, über sieben Jahre berechnet, 650 Prozent beträgt. Dabei ist für die Lohnsummenberechnung der Durchschnitt der letzten fünf Jahre vor dem Erbfall entscheidend.

Modell für die Praxis

Hier sind niedergelassene Ärzte schlicht gesagt gekniffen, wenn keiner ihrer Sprösslinge beruflich in den Fußstapfen des Praxischefs wandelt und die Weitergabe inklusive Fortführung daher überhaupt nicht möglich ist. Für ihre Erben wird also in der Regel die dritte Variante anstehen:

• Da ihr Betrieb bei dieser Konstellation also vor Ablauf der Frist aufgegeben wird, kommt es zu einer anteiligen Steuerbelastung. Es wird hier vom sogenannten „Abschmelzungsmodell“ gesprochen. Wird der Betrieb also zum Beispiel nach einem Jahr aufgegeben, gilt die Steuerbefreiung lediglich für ein Zehntel des jeweiligen Betriebsvermögens.

Ärzte sollten sich bereits heute mit den geplanten Regelungen auseinandersetzen und darüber nachdenken, ob daraus individuelle Konsequenzen als Unternehmer beziehungsweise als Privatperson zu ziehen sind. Dazu kann beispielsweise das rechtzeitige Verfassen eines Testaments oder eines Erbvertrages gehören, um eventuelle Erbschaftsprobleme zu vermeiden.

Kernfamilien begünstigt

Während die Kritiker der Reform vor allem ein erhebliches Maß an zusätzlicher Bürokratie befürchten, sehen die Befürworter die generationenübergreifende Gerechtigkeit gestärkt, da die sogenannte „Kernfamilie“, also Ehe- und Lebenspartner und Kinder, gegenüber den bisherigen Regelungen begünstigt wird.

Immobilien sollen zwar im Gegensatz zur bisherigen Regelung zukünftig mit ihrem Verkehrswert, also dem erzielbaren Verkaufspreis, bewertet werden, (was wahrscheinlich offizielle Gutachten erfordern wird). Doch ist vorgesehen, dass Witwen, Witwer und Kinder des Erblassers keine Erbschaftssteuer auf ein vererbtes Haus oder eine Wohnung zahlen müssen, so lange sie diese mindestens zehn Jahre lang selbst nutzen.

Es darf innerhalb dieses Zeitraums also weder zu einer Vermietung noch zu einer Verpachtung, zu einem Verkauf oder zu einer Nutzung des geerbten Grundbesitzes als Zweitwohnsitz kommen.

Für Kinder gibt es eine zusätzliche Auflage, dass die jeweilige Wohnfläche nicht größer als 200 Quadratmeter sein darf. Darüber hinausgehende Flächen müssen anteilig unter Berücksichtigung ihres speziellen Freibetrages von 400 000 Euro versteuert werden. Kindern steht die Steuerfreiheit einer selbst genutzten Immobilie ebenfalls zu.

Wenn mehrere Kinder, zum Beispiel drei Kinder, jedes zu einem Drittel ein Haus erben, müssten alle einziehen, um steuerfrei zu bleiben. Zieht dagegen nur ein Kind ein und zahlt die anderen aus, müssten diese ihr Drittel unter Berücksichtigung des jeweiligen Freibetrages von 400 000 Euro versteuern.

Daneben können Ehegatten und gleichgeschlechtliche eingetragene Lebenspartner für ererbtes sonstiges Vermögen einen Freibetrag von 500 000 Euro sowie Kinder einen Freibetrag von 400 000 Euro geltend machen. Denn die Freibeträge für das übrige Geld und für Aktien für nahe Angehörige steigen deutlich.

Geschwister, Nichten und Neffen dagegen müssen künftig nicht zuletzt durch die Erhöhung der jeweiligen Steuersätze mehr zahlen.

Michael Vetter
Franz-Lehar-Straße 18
44319 Dortmund

INFO

Erbschaftssteuer in drei Schritten

1. Schritt: Steuerfrei sind für zehn Jahre selbst bewohnte Immobilien. Diese Regelung soll für Eheleute, für eingetragene Lebenspartner und für Kinder gelten. Die Wohnfläche der Immobilie muss hier geringer als 200 m² sein.

2. Schritt: Vom Restvermögen oder vom Gesamtvermögen, wenn Schritt 1 nicht zutrifft, dürfen Erben die folgenden Freibeträge abziehen:

Steuer- Erben Freibeträge in Euro klassen alt neu
I Ehegatte 307 000 500 000
Kinder und Enkel (wenn die Eltern verstorben sind) 205 000 400 000
Enkel 51 200 200 000
Großeltern, Eltern 51 200 100 000
II Geschwister, Nichten und Neffen 10 300 20 000
Eltern, Großeltern (bei Schenkungen) 10 300 20 000
III eingetragene Lebenspartner 5 200 500 000
Sonstige 5 200 20 000

3. Schritt: Auf das nun noch verbleibende Vermögen sollen die folgenden Steuersätze, aufgeteilt nach Steuerklassen, angewendet werden:

Wert des Erbes in Euro Steuersätze in Prozent (jeweils alt/ neu) nach Freibeträgen alt neu I II III
bis 52 000 75 000 7 7 12 30 17 30
bis 256 000 300 000 11 11 17 30 23 30
bis 512 000 600 000 15 15 22 30 29 30
bis 5 113 000 6 000 000 19 19 27 30 35 30
bis 12 783 000 13 000 000 23 23 32 50 41 50
bis 25 565 000 26 000 000 27 27 37 50 47 50
alles darüber alles darüber 30 30 40 50 50 50



Mehr zum Thema


Anzeige