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19.10.16 / 16:31
Interview

Arbeitslänge: 80 Millimeter

Der Hamburger Zahnarzt Dr. Marc Sven Loose ist einer der wenigen Wildtierzahnärzte Deutschlands. Mehr als 300 Zahnbehandlungen hat er an Wildtieren schon durchgeführt.




zm-online: Dr. Loose, Sie sind einer der wenigen Wildtierzahnärzte Deutschlands. Warum dieses Patientenklientel?

Dr. Marc Sven Loose: Meine "Wildtierpatienten" sind Braunbären, Löwen und Tiger. Sie sind im besonderen Maße schützenswert, da sie Teil unseres Ökosystems sind und leider immer noch von Menschen gequält und ihrer Würde beraubt werden. So vegetieren sie in Zirkusbetrieben dahin oder werden in Zoos unter sehr schlechten Bedingungen gehalten. In Freiheit lebend fallen viele von ihnen Trophäenjägern zum Opfer.

Die meisten der von mir behandelten Tiere wurden  von der Stiftung Vier Pfoten aus sehr schlechten Haltungsbedingungen befreit und dürfen nun ihren Lebensabend in großzügigen naturnah eingerichteten Parks verbringen. Ich möchte diesen wundervollen Tieren ein Stück weit ihre Würde zurückgeben und in meinem Rahmen die gesundheitlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie in den Auffangzentren beschwerdefrei leben können. Die Tiere leiden an Zahnfrakturen und allen Zahnerkrankungen, die wir auch beim Menschen kennen, verursacht durch ständiges Ketten- oder Gitterbeißen, schlechter Ernährung aber auch an den Folgen von Alkoholkonsum, der zur Showeinlage gehörte. 

Was unterscheidet Diagnostik und Therapie von Mensch und Bär?

Genaue Beobachtung der Tiere durch die Tierpfleger machen es möglich, akuten Behandlungsbedarf schnell zu erkennen: Verändertes Fressverhalten, vermehrten Speichelfluss oder Kratzen im Kopf- und Halsbereich, besondere Zurückgezogenheit (Bären) oder aggressives Verhalten (Großkatzen) lassen den Verdacht auf akute Schmerzgeschehen zu, so dass unser zahnärztliches Handeln erforderlich sein kann. Auf diese wichtigen Informationen müssen wir uns initial verlassen und haben dann im Rahmen der Untersuchung die Möglichkeit am narkotisierten Tier die Zahngesundheit klinisch zu beurteilen.

Die für Menschen geltenden Untersuchungsprinzipien sind auch hier richtig. Über ein digitales Röntgenbild des gesamten Schädels durch die tierärztlichen Kollegen habe ich als Zahnarzt in der Vergrößerung eine recht gute Information über die wichtigen Strukturen und kann dann meine Therapie planen. Eine dreidimensionale Darstellung mit deutlich besserer diagnostischer Aussage ist unter den Umständen in den Parks nicht durchführbar.

Es gelten die Prinzipien wie bei Menschen, die in Vollnarkose behandelt werden. Wir treten grundsätzlich als Assistenten der Tierärzte auf und arbeiten eng im Team zusammen. In den vergangenen 10 Jahren ist eine enge Kooperation mit dem Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin entstanden, das auf die Narkose von Wildtieren spezialisiert ist und die Projekte von Vier Pfoten wissenschaftlich begleitet. So konnte ich mehr als 300 Zahnbehandlungen an Bären, Löwen und Tigern durchführen.


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