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14.03.17 / 11:05
Studie

Beeinflusst Parodontitis die Blutgefäße?

Begünstigen Parodontitis und Gingivitis über systemische und genetische Effekte kardiovaskuläre Erkrankungen, wie Atherosklerose und Thrombose? Diese Frage will das Team um Dr. Ghazal Aarabi von der Zahnklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf beantworten - mithilfe zweier Langzeitstudien.




Obwohl sich HCHS1 und NAKO2 hinsichtlich Untersuchungsprogramm, Studiendesign und Zielsetzung unterscheiden, stehen in beiden Studien häufige Erkrankungen im Fokus - darunter Volkskrankheiten wie Diabetes, Krebs, Demenz, Herz-Kreislauferkrankungen, Depression, Atemwegerkrankungen und chronische Entzündungen, darunter Parodontitis und Gingivitis. Übergeordnete Studienziele bestehen u.a. darin, zu verstehen, wie Gene, Umweltbedingungen und Lebensstil miteinander interagieren, so dass Volkskrankheiten entstehen können.

Erstmals wird die Zahnmedizin eingebunden

Zahnmedizinische Untersuchungen werden sowohl in der HCHS als auch der NAKO durchgeführt und in einer jeweils mehrjährigen Nachbeobachtungsphase werden Inzidenzen für viele Volkskrankheiten, darunter Herz-Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall, vollständig erfasst. Die Einbindung der Zahnmedizin in große bevölkerungsrepräsentative Langzeitstudien ähnlicher Art war bisher kaum gegeben und stellt gewissermaßen ein Novum dar. Für die zahnmedizinische Genomforschung ergeben sich hieraus Chancen hinsichtlich der Entdeckung neuer Genvarianten, wie etwa mittels genomweiter Assoziationsstudien (GWAS).

Für die allgemeine Zahnmedizin ergeben sich Potenziale zum Schließen von Wissenslücken in den Bereichen der Versorgungsforschung und der Bedeutung zahnmedizinisch relevanter Erkrankungen für die Allgemeinmedizin. Beispielsweise vermutet man seit langem, dass Entzündungen der Mundhöhle Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen sind [1]. Es ist zwar bekannt, dass Parodontitis und Herz-Kreislauferkrankungen miteinander assoziiert sind; es ist aber nach wie vor unklar, ob die Assoziation unabhängig von anderen Assoziationen ist, wie zum Beispiel Rauchen, Diabetes und sozioökonomischer Status [2].

Parodontitis als Risikofaktor

Parodontitis könnte auch eine kausale Rolle bei der Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen spielen, indem die lokale Entzündung des Parodontiums eine systemische Entzündung verstärkt, die sich negativ auf die Gefäßgesundheit auswirkt, indem sie die Atherosklerose stimuliert und dadurch Herz-Kreislauferkrankungen begünstigt. Die Abbildung zeigt ein Modell, das die möglichen Interaktionen zwischen Parodontitis und der Atherosklerose – der Hauptursache für Herz-Kreislauferkrankungen – schematisch darstellt [3].

Das Thema hat einen hohen Stellenwert, da Entzündungen in der Mundhöhle mit Prävalenzen von über 20 Prozent für die Parodontitis beziehungsweise über 40 Prozent für die Gingivitis zu den häufigsten lokalen Entzündungen des Menschen gehören [4]. Herz-Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall sind nach wie vor Todesursache Nummer 1 in Europa [5]. Sollte sich herausstellen, dass Entzündungen der Mundhöhle unabhängige Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen sind, hätte dies erhebliche Implikationen für Früherkennung und Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen und für die Versorgung unserer Patienten.

Ghazal Aarabi, Udo Seedorf, Guido Heydecke
Zentrum für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Martinistr. 52, 20246 Hamburg

1Die Hamburg City Health Study (HCHS) ist eine der größten ortsbezogenen Langzeitstudien der Welt. Sie untersucht 45.000 zufällig ausgewählte Personen aus dem Großraum Hamburg im Alter von 45 bis 74 Jahren im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und befragt sie nach ihren Lebensgewohnheiten - beispielsweise nach der körperlichen Aktivität, Rauchen, Ernährung oder den Beruf.

2An der NAKO-Gesundheitsstudie, kurz NAKO, nehmen 200.000 zufällig ausgewählte Bürger im Alter von 20 bis 69 Jahren teil, die neben dem UKE noch in 17 weiteren über ganz Deutschland verteilten Studienzentren untersucht werden.

Literatur

1. Mucci LA, Hsieh CC, Williams PL, Arora M, Adami HO, de Faire U, et al. Do genetic factors explain the association between poor oral health and cardiovascular disease? A prospective study among Swedish twins. Am J Epidemiol. 2009;170(5):615-21.
2. Lockhart PB, Bolger AF, Papapanou PN, Osinbowale O, Trevisan M, Levison ME, et al. Periodontal disease and atherosclerotic vascular disease: does the evidence support an independent association?: a scientific statement from the American Heart Association. Circulation. 2012;125(20):2520-44.
3. Aarabi G, Eberhard J, Reissmann DR, Heydecke G, Seedorf U. Interaction between periodontal disease and atherosclerotic vascular disease--Fact or fiction? Atherosclerosis. 2015;241(2):555-60.
4. Micheelis W, Schiffner U. Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV). Köln: Deutscher Ärzte-Verlag; 2006.
5. Dégano IR, Salomaa V, Veronesi G, Ferriéres J, Kirchberger I, Laks T, et al. Twenty-five-year trends in myocardial infarction attack and mortality rates, and case-fatality, in six European populations. Heart. 2015.



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