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20.07.17 / 11:45
Studie

Hat der Mundspiegel bald ausgedient?

1811 wurde der Dentalspiegel in England erfunden. Nach mehr als 200 Jahren könnte er nun vollständig von der Intraoralkamera abgelöst werden. Sie passt einfach besser zur digitalen Zahnheilkunde und leistet einen effektiveren Beitrag zu Prävention und Therapie, versprechen zwei aktuelle Studien.



Mundspiegel versus Intraoralkamera: Als Joseph Murphy - laut Dentalhistorisches Museum Zschadraß - im Jahr 1811 den Mundspiegel erfand, war das zum damaligen Zeitpunkt eine deutliche Verbesserung für die Diagnostik in der Zahnheilkunde. Seitdem wurde das Instrument stetig weiterentwickelt - ist das "speculum oris" nun vom Aussterben bedroht? proDente

Heute gibt es neben dem rhodiumbeschichteten Standard-Mundspiegel bekanntlich auch sogenannte "high definition" Instrumente. Kratzfest sollen sie sein, heller und überlegen in der Farbwiedergabe. Ob das nun wirklich das Nonplusultra ist, entscheiden Zahnärzte individuell, fest steht aber: Die Intraoralkamera lässt den Patienten mit in die eigene Mundhöhle schauen, dass schafft der Spiegel - ob konventionell oder High End-Produkt - nicht. Und das ist vielleicht der Unterschied, der den Produktlebenszyklus der Standardinstrumente beenden könnte. Zwei aktuelle Studien haben sich mit diesem Aspekt auseinandergesetzt.

'David gegen Goliath' oder 'Spiegel gegen Kamera'

Im Auftrag der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege untersuchten im Raum Heidelberg jüngst zwei Teams 681 Milchzähne und 576 bleibende Zähne von Schülern der Klassenstufe 1 - die einen mittels Spiegel und Sonde und die anderen mittels L-CAM von I.C. Lercher. Diese besitzt keinen Schiebeschalter und ist daher für den Einsatz bei Reihenuntersuchungen prädestiniert, weil eben nicht bei jedem Kind die Scharfeinstellung neu vorgenommen werden muss.

Ein Ergebnis der vergleichenden Untersuchung war die ausgesprochen hohe Akzeptanz der Kinder für die Intraoralkamera. Selbst sehr ängstliche, eher unkooperative Kinder, nahmen an der Untersuchung teil. Der Studienautor schlussfolgert daraus, dass die Kinder durch den Einsatz der Kamera quasi zum Mituntersucher wurden, anstatt passiv eine Inspektion der eigenen - sehr intimen - Mundhöhle über sich ergehen lassen zu müssen. Die eigenen Zähne vergrößert auf einem Bildschirm zu betrachten, wird zudem als spannendes, positiv besetztes Erlebnis wahrgenommen. Visualisiert dargestellt sind individuelle Impulse zur Mundhygiene oder der Hinweis auf die Notwendigkeit einer Kariesbehandlung für das Kind zudem viel besser nachvollziehbar, erklärt der Autor.

Überlegenheit in der Diagnostik, Ergonomie und Gewicht

Er hebt zudem die Überlegenheit der Intraoralkamera bei der Diagnostik von Approximalkaries oder der Erkennung von okklusalen Initialläsionen im Bereich der Molaren hervor. Ein weiterer Vorteil betrifft die Ergonomie: die Untersuchung mittels Intraoralkamera lässt demnach eine rückengerechte Sitzposition zu. Weil die Kassetten mit dem Untersuchungsbesteck wegfallen, reduziert sich das Gewicht zusätzlich. Neben weiteren positiven Effekten würde auch die Aufbereitung des Instrumentariums entfallen.

Aber auch Erwachsene springen - ähnlich wie die Kinder - auf die benannten Effekte der Intraoralkamera an. Wie sich die Geräte speziell während der Parodontaltherapie auf klinische Parameter und Verhaltensänderungen auswirken, haben portugiesische und britische Wissenschaftler untersucht. Mit dem Ergebnis: Wenn Patienten, die an Parodontitis leiden, während der Behandlung Bilder von ihrem Zahnfleisch, Plaques und entzündeten Regionen gezeigt werden, erhöht das ihre Bereitschaft zu Verhaltensänderungen signifikant.

Bilder vom eigenen Zahnfleisch steigern die Bereitschaft zur Verhaltensänderung

Nach vier Monaten hatten die Teilnehmer dieser Studie (n =78) im Vergleich zu einer Kontrollgruppe mit identischer Behandlung, jedoch ohne den Einsatz einer intraoralen Kamera, eine geringere Blutungsneigung bei Sondierung, benutzten häufiger Zahnseide und beschrieben zudem eine gesteigerte Selbstwirksamkeit. Alle Unterschiede waren signifikant. Die Autoren schlussfolgerten deshalb auch, dass Intraoralkameras klinische, Verhaltens- und psychologischen Determinanten der parodontalen Gesundheit verbessern.

Quelle: Matthias Brunner: Möglichkeiten und Grenzen einer Intraoralkamera bei zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen in Kindertagesstätten und Schulen; Zahnärztlicher Gesundheitsdienst, 1.17, S. 9 ff.

Araújo MR, Alvarez MJ, Godinho CA, Pereira C: Psychological, behavioral, and clinical effects of intra-oral camera: a randomized control trial on adults with gingivitis. Community Dent Oral Epidemiol. 2016 Dec;44(6):523-530. doi: 10.1111/cdoe.12245.


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