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12.02.14 / 10:45
Umfrage

Sonne, Meer und Zahnersatz

Das Urlaubskriterium "all inclusive" bekommt für viele Deutsche eine ganz neue Bedeutung. Denn immer mehr Menschen nehmen medizinische Versorgungen im europäischen Ausland in Anspruch.



Für eine Vollprothese geht niemand ins Ausland, doch Kronen und Implantate werden immer häufiger außerhalb von Deutschland eingesetzt. dondoc-foto/Fotolia.com

Immer mehr Deutsche gehen offenbar für medizinische Behandlungen ins Ausland. Zu dem Ergebnis kommt die "Europabefragung 2012: Geplante grenzüberschreitende Versorgung in der EU - Ärzte und Zahnärzte aus Sicht der TK-Versicherten" der Techniker Krankenkasse. Eine Arbeit, deren Aussagen zur Zahnmedizin von den berufspolitischen Standesvertretungen kritisch geprüft werden. 

"Auffällig ist vor allem, dass die Widerholungszahl steigt", sagte Caroline Wagner, vom wissenschaftlichen Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG) bei der Studienvorstellung in Berlin.

Auf Polen folgt Italien

Vor allem zur Behandlung von Muskel-, Knochen- und Gelenkkrankheiten reisen die Deutschen demnach ins Ausland (55 Prozent). Aber auch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems (11 Prozent) und der Zähne (10 Prozent) führen sie außer Landes. Während bei älteren Befragungen Tschechien oder Polen als Top-Locations für die Therapien genannt wurden, stand nun Italien an erster Stelle. Die Schweiz und Österreich legten ebenfalls zu, was Wagner auf die gemeinsame Sprache zurückführt. Laut Studie werden Österreich und die Schweiz die aktuell dominierenden osteuropäischen Länder und auch Italien langfristig verdrängen.

TK: Zahnärzte und Kieferorthopäden glänzen

Dabei waren die Befragten nach TK-Angaben mit den Ergebnissen ihrer geplanten Behandlungen im EU-Ausland bei sowohl den Zahnärzten und Kieferorthopäden als auch den Allgemeinärzten und Fachärzten äußerst zufrieden. Die höchste Zufriedenheit erzielten in Sachen Behandlungsqualität laut Studie die Zahnärzte und Kieferorthopäden (85 Prozent), gefolgt von den Behandlungsergebnissen der Allgemeinärzte (79 Prozent) und der Fachärzte (78 Prozent). Sehr unzufrieden waren bei allen drei Arztgruppen lediglich unter ein Prozent der Befragten.

Die Versicherten waren auch mit den Medizinern selbst höchst zufrieden: Insbesondere bezüglich der Kompetenz gaben dies 78 Prozent an. Was die Gründlichkeit der Ärzte bei der Untersuchung und der Behandlung betreffen, 74 Prozent und in Bezug auf die Verständlichkeit der von den Ärzten kommunizierten Informationen 73 Prozent. Auch bezogen auf Wartezeit, Sauberkeit, Organisation und Atmosphäre ihrer Auslandsbehandlung waren sie mehrheitlich sehr zufrieden, so das Ergebnis des TK-Berichts.

Viele Patienten kombinieren Behandlung und Urlaub

Dreiviertel der Befragten, die ihre Behandlung im Ausland planen, sind laut Umfrage 60 Jahre alt oder älter. Mehr als ein Drittel davon gab an, das Internet täglich zu nutzen. "Es handelt sich also oftmals um Senioren, die sich im Internet nach einer günstigen Behandlung plus Urlaub schlau machen", sagte Wagner. Die hohe Zufriedenheit der Patienten liegt ihrer Ansicht darin begründet, dass die Häuser bewusst auf den Wohlfühlfaktor setzen: "Viele der ausländischen Kliniken haben sich auf das Auslandsgeschäft ausgerichtet und mehr Personal und Zeit eingeplant." Das führe bei vielen Patienten, unabhängig von der Qualität der Versorgung, zu einem guten Gefühl.

Insgesamt verlieren Wagner zufolge die Motivationen "Kombination der Behandlung mit einer Urlaubsreise" und "Kosteneinsparung" aber allmählich an Bedeutung. Stattdessen werde höchstwahrscheinlich der Qualitätsaspekt als Hauptbeweggrund für geplante EU-Auslandsbehandlungen zukünftig stärker in den Vordergrund rücken.

Intentionen der TK, ihre Versicherten aktiv zu einer Auslandsbehandlung zu motivieren, wies Wagner indes zurück. Da der Kassenzuschuss für eine Behandlung bei ambulanten Behandlungen verpflichtend sei, gebe es für die TK keine monetären Anreize. Man wolle lediglich Versicherte, die den Entschluss zu einer Auslandsbehandlung eigenständig gefasst hätten, gut beraten können, heißt es. Angebote im Ausland bewerbe die TK bewusst nicht.

Die Herausforderung: Qualitätssicherung

"Die Sicherung der Qualität in den jeweiligen Ländern ist eine große Herausforderung für uns", sagte Wagner zur Auslandszahnbehandlung. Die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern im Ausland solle dabei helfen, den Versicherten verlässliche Ansprechpartner zu empfehlen. Momentan unterhält die TK Kooperationen mit vier Zahnkliniken in Ungarn und einer in Polen. "Wir haben uns für diese Länder entschieden, weil sie von unseren Kunden favorisiert wurden“, erklärt Michael Ihly, Pressesprecher der TK.

"Als Kooperationspartner kamen nur Kliniken in Frage, die bereits von unseren Versicherten aufgesucht wurden und die über deutschsprachiges Personal sowie einen deutschsprachigen Internetauftritt verfügen", sagt Ihly. Eine aktive Empfehlung für eine der Auslandskliniken spreche man erst aus, wenn Kunden direkt auf die Kasse zukommen, weil sie sich in Bezug auf die Klinikwahl unsicher sind. Ihly: "Wir wollen unseren Versicherten damit den bürokratischen Aufwand und ein langwieriges Abrechnungsverfahren abnehmen."

Beratungszahnarzt prüft vor Ort

Die Kooperations-Kliniken werden Ihly zufolge mit einem erfahrenen Beratungszahnarztes der TK vor Ort geprüft. "Bewertet wurden die Versorgungen am Patienten, zahntechnische Anfertigungen, Behandlungsräume und das Dentallabor." Im Anschluss an die Auslandsbehandlung habe zudem jeder Versicherte die Möglichkeit, anonym und freiwillig mithilfe eines Fragebogens den Service und das Behandlungsergebnis zu bewerten.

Gemessen an der Gesamtzahl des von der Kasse finanzierten Zahnersatzes sei der Auslandsanteil jedoch immer noch marginal: "Von 950.000 Zahnersatzbehandlungen wurden 2012 etwa 500 Fälle von den Vertragszahnkliniken in Polen und Ungarn übernommen."

"Mehr Wahlfreiheiten für die Versicherten"

Alles in allem habe die Wahlfreiheit, für die Versorgung auch gezielt in das EU-Ausland gehen zu können, die Versorgungsstrukturen in Deutschland für einen Teil der TK-Versicherten ergänzt und erweitert.

Die Ergebnisse spiegelten "die hohe Akzeptanz und die positive Wahrnehmung dieser Zusatzoption zur Versorgung in Deutschland wider", heißt es. Der am häufigsten genannte Grund - die positiven Erfahrungen mit vorherigen geplanten EU-Auslandsbehandlungen - sowie der Umstand, dass sich mittlerweile TK-Versicherte mehr als einmal im Jahr geplant behandeln ließen, seien erste Hinweise auf eine sich neu abzeichnende Behandlungskontinuität.

Es wurden nur TK-Versicherte ausgewählt, die sich im Jahr 2010 geplant und/oder ungeplant im EU-Ausland haben behandeln lassen. Die Befragung erfolgte anonym. Insgesamt 18.339 TK-Versicherte füllten den Bogen aus, davon wurde eine finale Stichprobe von n = 3.307 ausgewählt.


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