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08.08.13 / 08:39
Gesellschaft

2.000 km per Rad gegen den Mundkrebs

Mundkrebs-Patient Hans Böge radelte quer durch Deutschland, um über seine Krankheit aufzuklären. Sein Schicksal zeigt: Aufgeben gibt es nicht, kämpfen ist angesagt.



Der 68-jährige Hans Böge radelte quer durch Deutschland, um über seine Krankheit zu informieren. Insgesamt 1.200 Euro kamen bei der Spendentour gegen Mundkrebs zusammen. DSC

Es ist noch so präsent, als wäre es gestern gewesen. Hans Böge geht zu seinem Zahnarzt, weil ihn seit längerem eine kleine Stelle an der Zunge stört. Es wird eine Probe entnommen. Der Verdacht bestätigt sich: Mundkrebs. Wie in Trance geht er nach Hause, mit butterweichen Knien. Daheim in der Küche sinkt er auf einen Stuhl: "Warum gerade ich?"

Böge wird zu einer Fachärztin in Itzehohe überwiesen. Sie kommt aus dem "Stall" der Kieler Universitätszahnklinik und bittet dort ihren früheren Chef, Prof. Jörg Wiltfang, um Hilfe. Nun geht alles schnell: Wiltfang und sein Team operieren.

Alles ohne Aussicht

Böge liegt auf einem Zimmer mit Ausblick auf die Kieler Förde. Aber die vorbei ziehenden Luxusyachten und Fährschiffe interessieren ihn nicht. Man hat ihm gerade erklärt, dass seine halbe Zunge fehlt. Auch zwei wichtige Lympfknoten, die schon befallen waren, wurden exzidiert. Er kann nicht  sprechen, hängt an mehreren Schläuchen. Nur wenige Tage später erfordert ein erneutes Untersuchungsergebnis die Entfernung eines weiteren Lympfknotens. Nur zur Sicherheit, heißt es.

Was übrig ist

Die Heilung verläuft angemessen. Schließlich lebt er. Irgendwann kann er auch wieder schlucken und weiches Essen zu sich nehmen. Aber sprechen? Vorbei. Die Kieferchirurgin in seiner Heimatstadt schickt ihn zur Logopädie, Böge übt Tag und Nacht. Lippen schürzen, Zunge bewegen, Grimassen schneiden. Alles, um die Muskeln zu trainieren, zumindest die, die noch übrig geblieben sind.

Das Leben beginnt im Kopf

Man schickt ihn nach Wismar zur Reha. Dort fühlt er sich gut aufgehoben. Hier ist er nicht der einzige Krebspatient. Andere leiden mehr oder weniger, sind stark depressiv oder einfach nur verzweifelt. Dieser Anblick legt bei Hans Böge den Schalter um: "Ich nicht! Ich komme da raus!" Das ist seine Devise. Und macht Sprechübungen, was das Zeug hält, trainiert jeden einzelnen Muskel. Das Leben fängt wieder an, zumindest im Kopf. Zurück daheim veranlasst seine Ärztin, dass in einer weiteren Operation die Muskulatur der Zunge so korrigiert wird, dass sie etwas beweglicher wird.

Die Sonne scheint fast jeden Tag

Wiltfang stimmt diesem Eingriff zu und leitet alles in die Wege. Bald schaut der 68-Jährige aus Reher, Kreis Steinburg, wieder auf die Förde. Doch diesmal interessieren ihn aber die Schiffe da draußen. Der Ausblick von der achten Etage - gigantisch. Die Sonne scheint - jetzt auch für Hans Böge. Fast täglich, denn täglich geht es ihm ein Stück besser.

Böge nimmt wieder am normalen Leben teil. Er ist im ganzen Körper beweglicher, auch sein Sprechen macht weiterhin Fortschritte. Seine Frau versteht immer öfter, was er sagt. Und das Wichtigste: Sein Mut ist zurück. Nun versucht er auch, wieder aufs Fahrrad zu steigen. Das war sein größtes Hobby bis zum Tag der  Diagnose.

Die Touren werden länger

Er engagiert sich in Selbsthilfegruppen, redet mit anderen Betroffenen, macht Mut und zieht daraus wiederum Kraft. Seine Radtouren werden jeden Tag länger, sein Körper scheint (fast) wieder der alte zu sein. Da fasst er einen Plan: Er will aufklären, aber nicht nur in Itzehoe, nein: bundesweit!

Er will durch Deutschland radeln und in jeder Stadt mit Betroffenen sprechen, Veranstaltungen organisieren, aufklären - eben helfen. Zuerst kauft er ein E-Bike, dann legt er die Route fest. Seine Familie steht hinter ihm, sie lassen ihn fahren. "Aber jeden Tag anrufen, das musst du", fordert seine Frau.

Mitte Juni ist es dann soweit. Die kleine Radtasche ist gepackt, etwas Proviant steckt im Rucksack und die Wasserflasche hängt genauso parat wie die Landkarte am Lenker. Er fährt mit Drahtesel und dem Zug bis Birkenwerder, dort besteigt er dann den Sattel. Weiter geht's nach Berlin.

Empfang im Roten Rathaus

Im Roten Rathaus wartet man schon auf ihn. Böge hat alles perfekt organisiert. Die Presse ist da, ebnso Vertreter des Senats und natürlich auch der Spendentopf. Weiter geht's Richtung Nürnberg, dann von dort zum Bodensee nach Konstanz und schließlich bis Mainz. An allen "Boxenstopps" finden Informationsveranstaltungen statt. Der Radler hat viel zu tun, spricht inzwischen wieder perfekt und zeigt keinerlei Krankheitszeichen. Sein Körper ist braun gebrannt, die Muskeln sind gestählt.

Im bergigen Breisgau trotzt er auf dem E-Bike den 38 Grad Celsius, legt insgesamt pro Tag rund 100 bis 150 Kilometer zurück. Zu kämpfen hat Böge jedoch mit den Spätfolgen seiner Krankheit. Da bei ihm die Lymphdrüsen entfernt wurden, hatte er bei den hohen Temperaturen und durch die Anstrengung einen extrem trockenen Mund und durch Schwellungen im Hals Probleme mit der Atmung. An den Hals gelegte Eispackungen sorgten abends für Linderung.

Von Mainz geht es dann weiter den Rhein entlang und schließlich bis Köln. Vor dem Dom endet die Reise für den guten Zweck, die am 6. Juli in Reher begonnen hatte. Nach einer kurzen Verschnaufpause besteigen Böge und sein Drahtesel wieder den Intercity. Nun ist Böge wieder daheim, von einer rund 2.000 Kilometer langen Radtour, mit der er aufrütteln und Spenden für die Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft (SHKG) sowie für den Förderverein Heimmitwirkung sammeln wollte und konnte.

Der Zweck ist erfüllt

"Ich denke, dass ich den Zweck meiner Reise erfüllen konnte", sagte er anlässlich eines Empfangs in den Räumen SHKG in Kiel. Bisher seien über 1.200 Euro zusammengekommen. Für September ist die nächste Tour geplant. Sie soll quer durch Schleswig-Holstein führen.


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