ck/dpa
13.12.12 / 07:15
Gesellschaft

Das dunkle Kapitel der Psychiatrie

Das südhessische Philippshospital ist eine der ältesten Psychiatrien der Welt. Eine Ausstellung zeigt, wie sich die Einstellung zu psychisch Kranken und die Art ihrer medizinischen Behandlung im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.




Einst galten psychisch kranke Menschen als "Irre". Untergebracht waren sie in Einrichtungen, die im Volksmund auch als "Klapsmühlen" bezeichnet wurden. Als "Rasende" wurden sie in ein hohles Rad gesperrt, "sie mussten es drehen wie ein Hamster", beschreibt ein Mitarbeiter die Methoden bei einer Führung durch das Psychiatrie-Museum der Vitos Klinik Philippshospital im südhessischen Riedstadt.

Medikamente gab es keine. Was heute klingt wie eine Geschichte aus dem Mittelalter, war damals wissenschaftliche Überzeugung.

Gegen den eigenen Willen eingesperrt

Die Klinik ist eines der weltweit ältesten Psychiatrie-Krankenhäuser. Sie wurde bereits im 16. Jahrhundert als Pflegeanstalt für Arme und psychisch Kranke gegründet, damals als "Hohes Hospital Hofheim", wie Klinikdirektor Prof. Hartmut Berger berichtet. Im 19. Jahrhundert spezialisierte sich das Philippshospital auf die Pflege von psychisch kranken Menschen. Zeitweise waren dort bis zu 1.700 Menschen untergebracht, oft zwangsweise.

Das Museum zeigt seit Mitte der 70er Jahre, was psychische Kranke einst über sich ergehen lassen mussten und wie sie ruhig gestellt wurden.  Das Hospital erinnert noch vor dem ersten Schritt ins Museum an die dunkelste Zeit der Psychiatrie: Am Haupteingang erinnert ein Gedenkstein an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ein Symbol für die Euthanasie-Verbrechen

Bei ihrem Vernichtungsfeldzug gegen Kranke und Behinderte transportierten die Nazis fast 600 Menschen ab, viele von ihnen kamen in die Tötungsanstalt Hadamar. Der mittelhessische Psychiatriestandort mit seiner Gedenkstätte und Dauerausstellung ist international zu einem Symbol für die Euthanasie-Verbrechen der Nazis geworden. 

Der fürsorgliche Eindruck täuscht

Auf vielen Fotos machen die Schwestern mit ihren Häubchen einen fürsorglichen Eindruck. Die Wirklichkeit war nicht immer so: Zwangsstühle, Darstellungen von Dauerbad- und Bettbehandlung, die mit Eisenstangen beschlagene Tür einer Tobzelle, dazu Zwangsjacken, in denen die Ärmel nach hinten gehen. 

Am Anfang mussten die Kranken schwere Ketten an den Füßen tragen. Zum Festbinden auf Betten gab es große, lederne Fixierhandschuhe und Fußfesseln. Ein späteres Beispiel ist ein Stromgerät aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, mit dem Patienten elektrische Stöße verpasst wurden.

Im Laufe der Zeit nahm die Pein der Psychiatrie ab. Kranke wurden nicht nur verwahrt, sondern konnten auch arbeiten und so eine gewisse Regelmäßigkeit und womöglich Besserung erleben. Zeitweise gab es 80 Webstühle, Körbe wurden geflochten, in der Sattlerei Hosengürtel gefertigt. 

Handgeschmiedete Gitter

Früher waren die Fenster mit handgeschmiedeten Gittern gesichert, Männer und Frauen lebten getrennt. Heute sind Männer und Frauen gemischt, nur Kinder extra untergebracht. Das Gelände verfügt über einen großen Park, es hat einen offenen Charakter. 

Ausnahmen gibt es aber auch: Unweit von der alten Anlage fällt der Blick auf einen stark gesicherten neuen Bau. Hier sind rund 50 psychisch kranke Straftäter untergebracht. Unter den Bürgern hatte es großen Widerstand dagegen gegeben. 

Heute ist die Klinik deutlich kleiner als früher. Es gibt noch rund 265 Patienten. "Da hat sich dramatisch viel geändert", sagt Klinikdirektor Berger. "Wir machen keine Kaffeesatzleserei mehr. Es gibt inzwischen einen erheblichen Wissenszuwachs über Ursache und Behandlungsmöglichkeit." 


Mehr zum Thema


Werblicher Inhalt