Dr. Bettina Broxtermann
30.08.13 / 08:07
Gesellschaft

Die Geschichte einer Märtyrerin

Zu den Kostbarkeiten der Frankfurter Kunstsammlung BonaDent gehören kleine Andachtsbilder aus Stundenbüchern, Schnittbildern und Amuletten. Sie zeigen die Heilige Apollonia, Schutzpatronin der Zahnkranken.




Miniaturen aus Stundenbüchern könnte man als eine Vorform der kleinen Andachtsbilder bezeichnen. Ein Stundenbuch, auch "Horarium" oder "Livre d’heures“ genannt, war ein Gebetbuch für adlige Laien und den hohen Klerus, das Gebete für die einzelnen Stunden des Tages, Bußpsalmen, Marien- und Totenoffizien sowie Kalender enthielt. Vor allem der französische Hof des 14. Jahrhunderts gab solche Andachtsbreviere in Auftrag. Zu den berühmtesten Büchern dieser Art zählen die "Très Riches Heures“ des Duc de Berry von der Hand der Brüder von Limburg, die "Très Belles Heures“ und das Mailand-Turiner Stundenbuch der Brüder van Eyck.

Unikate aus mühevoller Handarbeit

Die ersten dieser heute überaus kostbaren Bücher waren Unikate und entstanden in jahrelanger Handarbeit in enger Zusammenarbeit zwischen Buchschreibern und Bildermalern. Die einzelnen Buchseiten wurden durch Initialen, Zier- und Rankenleisten, Bilderpassagen farbig gestaltet und illustrierten den Text für den Betrachter. Zur Erstellung eines Stundenbuches, dessen Seiten aus Pergament bestanden, brauchte man neben dem hohen Aufwand an Zeit die Häute von vierzig Ziegen und  Schafen.

Mit dem Aufkommen des Papiers und druckgrafischer Vervielfältigungstechniken, wie dem Holzschnitt, dem Kupfer- oder dem Stahlstich, fanden Stundenbücher und Andachtsbilder ab dem 15. Jahrhundert eine weite Verbreitung unter wohlhabenden Bürgern. Die Buchmalerei, die lange Zeit in Klöstern gepflegt worden war, verlor an Bedeutung.

Apollonia in Stundenbüchern ist eine Preziose

Bei Auktionen erwarb Manfred Schmitt, der Geschäftsführer der Firma BonaDent aus Frankfurt, für seine Kunstsammlung in den vergangenen 15 Jahren drei Arbeiten, die aus lateinischen Stundenbüchern aus dem 15. Jahrhundert stammen und sich mit  der Geschichte der Heiligen Apollonia beschäftigen. Das ist etwas Besonderes, da die Heilige Apollonia, zur damaligen Zeit die Schutzpatronin der Zahnkranken, nicht im üblichen Kanon der Stundenbücher verankert war. Miniaturen, die sie als Fürbitterin zeigen, sind sehr selten.

Eines der Pergamente hat ein Format von 12,1 cm auf 8,6 cm, während die kleine Darstellung der Heiligen nur 6,3 cm auf 4,0 cm misst. Durch einen gotischen Rahmen (siehe Foto) wird der Blick des Betrachters auf die Schutzpatronin gelenkt. Sie steht, von einem weiten Mantel umhüllt, mit einem geöffneten Buch und einer großen Zange, die noch einen der ausgezogenen Zähne hält, in einem klösterlich anmutenden Innenraum. Die Schmerzen ihres Martyriums hat sie überwunden. Sie präsentiert sich jugendlich und lächelnd.

Unter dem Bild ist ein Text zu finden, wie er typisch für Stundenbücher aus Nordfrankreich um die Zeit von 1470 war: "Virgo martir egregia pro nobis apollonia funde preces.“ Auf die weiteren, sonst üblichen Zeilen des Gebets wurde verzichtet. Dafür zieht sich die Initiale V, auf rotem Grund in Goldbronze geschrieben, über die gesamten vier Zeilen des Textes. Eine Bordüre aus Akanthusblättern und Blütenzweigen umgibt Text und Bild.

Die Geschichte des Martyriums

Das zweite Pergamentblatt (siehe Foto), ebenfalls französischer Herkunft aus dem Jahr 1475, erzählt die Geschichte von Apollonias Martyrium in der großen, über sechs Zeilen laufenden Initiale B. Apollonias Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Ein Scherge setzt die große Zange an, um ihr die Zähne zu ziehen. Spielerisch verbirgt der Künstler einen kleinen Satyr, der aus bizarren Elementen zusammengesetzt ist, im umlaufenden Rankenwerk aus Blüten und Blättern.

Schon allein an diesen beiden Beispielen sehen wir, wie unterschiedlich Stundenbücher gearbeitet waren, welche Individualität und welches Können sie trotz gleicher Thematik und gleichen Inhalts zum Ausdruck bringen.

Schmuckeinlage für Gebetbücher

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entwickelte sich in Frauenklöstern das kleine Andachtsbild als Schmuckeinlage für Gebets- und Gesangbücher und fand schnell Verbreitung im Volk. Ohne besonderen künstlerischen Anspruch wurden sie auf Pergament, Papier oder Stoff gemalt und erinnerten an religiöse Feste, Wallfahrtsorte, verehrte Heilige und Schutzpatrone. Im Volksmund wurden sie als "Heiligenbildchen“ bezeichnet. In Gebets- und Gesangbücher gelegt, begleiteten sie den Gläubigen. Beim täglichen Gebet fühlte sich der Betrachter eng mit dem von ihm verehrten Heiligen verbunden.

Auch die Anrufung von Schutzpatronen bei oder gegen Krankheit war weit verbreitet. Ihre Hilfe bringende Wirkung wurde ihnen vor allem durch ihr eigenes Martyrium und ihre Nähe zu Gott zugesprochen. Sie galten durch ihre Standhaftigkeit im Glauben und im Erdulden von Qualen für die Menschen als Vorbilder. Lange Zeit sah man in Krankheiten nicht nur eine körperliche Schwächung, sondern empfand sie als göttliche Strafe für sündiges Verhalten. Im Falle Apollonias dachte man dabei vor allem an die Sünden der Zunge, also an lästerliche Reden. 

Amulette (siehe Foto), wie sie in der Sammlung BonaDent vertreten sind, übernahmen neben der heilenden Funktion die Aufgabe eines Talismans und zeigten, dass sich sein Träger unter den besonderen Schutz des auserwählten Heiligen gestellt hatte. Verstärkt wurde diese Wirkung durch die Segnung. Besonders hübsch ist ein kleines gemaltes Medaillon der Sammlung BonaDent, dass die Heilige Apollonia umgeben von zehn weiteren Heiligen zeigt.

Schluckbildchen zur Schmerzlinderung

Die Andachtsbilder sind Zeugnisse gelebter Volksfrömmigkeit und wurden als Haussegen und Amulette in Schränke und auf Truhen geklebt oder genagelt. Als Schluckbildchen löste man diese kleinformatigen, geweihten Drucke in Wasser auf und mischte sie Mensch und Tier zur Linderung des Schmerzes unter die Speisen. Besonders beliebt war es, die Andachtsbildchen an Paten- und Enkelkinder oder an Verlobte zu verschenken. Damit erhielten sie den Charakter des Freundschaftsbildes und erinnerten den Beschenkten an den Geber.

Bei der Herstellung der druckgrafischen Bilder plante der Künstler eine vielfältige Nutzung ein und überließ es dem Besitzer, das Bild seines Heiligen entsprechend seinen eigenen Vorstellungen zu beschneiden, zu bekleben oder zu beschriften. Aufschluss über die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten geben in der Regel die Texte auf der Vorder- oder der Rückseite der kleinen Papiere. 

Schnittbild aus Pergament

In der Sammlung BonaDent befindet sich ein kleines Schnittbild aus Pergament von etwa 1780 (siehe Foto). Die Kunst des Pergamentschnitts entwickelte sich im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Um ein mit Gouache gemaltes, kleines Medaillon legt sich dabei ein stilisiertes, sehr fein ausgeschnittenes Rankenwerk. Erst nach der Vollendung des Schnittes wurden diese filigranen, an Spitzen erinnernden Meisterwerke an den Maler zur Ausführung des Bildes gegeben.

Schaut man sich die unterschiedlichen Andachtsbilder an, fällt auf, dass nur selten die schmerzvolle Marter der Heiligen Apollonia erzählt wird. Doch selbst in diesen wenigen Fällen ist Apollonia über den Schmerz erhaben, sie lässt ohne äußerliche Zeichen von Qualen die Tortur ihrer Peiniger über sich ergehen. Sie präsentiert sich fast immer als junge, schöne Frau, was nicht den historischen Quellen entspricht.

Der Kirchenhistoriker Eusebius (um 260 - 340 n. Chr.) nimmt in seinen Schriften Bezug auf einen Briefwechsel, in dem Apollonia als ein Opfer des Massakers bei der Christenverfolgung unter Kaiser Philippus Arabs um 249 n. Chr. genannt ist. Sie wird darin als "an Jahren vorgerückte Jungfrau“ beschrieben.

In über zweihundert kleinen Andachtsbildern, die von dem Zahnmediziner Dr. Dieter Pack in einer Sammlung zusammengetragen wurden, kann man den Wandel der Zeit und das sich wechselnde Stilempfinden in den Darstellungen ablesen. Den Gläubigen präsentiert sich die Heilige Apollonia manchmal ein wenig erdentrückt, den Blick zum Himmel gewandt, mit ihren Attributen und einem Heiligenschein. Im 17. Jahrhundert vermutet man in ihrer Haltung, der Kleidung und dem Blick eher eine höfische Dame. Irritierend wirken dann allerdings der Heiligenschein und die Folterwerkzeuge.

Nach dem Ersten Weltkrieg ist ein Rückgang in der Produktion der kleinen Andachtsbilder um den  Apollonia-Kult zu verzeichnen. Möglicherweise hängt diese Entwicklung nicht nur mit einer schwindenden Volksfrömmigkeit, sondern auch damit zusammen, dass sich die Zahnmedizin im Verhältnis zu den vorausgegangenen Jahrhunderten als Wissenschaft etabliert hatte. Zahnkranke konnten sich nun auch ohne religiösen Beistand ihrem Zahnarzt anvertrauen. Doch damit wurde die Heilige Apollonia nicht arbeitslos. Sie etablierte sich als Schutzpatronin der Zahnärzte.

Weitere Kunstwerke finden Sie auf www.bonadent.de. Mehr zur Sammlung siehe zm 17/2013, S. 96-101.

 


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