Kay Lutze
31.03.15 / 10:15
Gesellschaft

Ein Kanzler auf Diät

Waldmeister-Bowlen-Eis mit sechs Eiern in Butter. Keine Frage: Der Eiserne Kanzler war zu dick und musste abspecken. Zu seinem 200. Geburtstag ein Blick auf die gesundheitlichen Probleme von Otto von Bismarck.




Den Kanzler der deutschen Reichsgründung von 1870/ 71 haben die meisten Deutschen als imposante Figur vor Augen. Und ja: Mit der Körperfülle übertrieb es Otto von Bismarck (1. April 1815 bis 30. Juli 1898) ganz gewaltig. Sein Gesundheitszustand wurde im Laufe der Jahre immer schlechter. Bereits im Mai 1872 sagte er über sich selbst: „Mein Öl ist verbraucht, ich kann nicht mehr.“ Seine gesundheitlichen Beschwerden führte er auf die starke Beanspruchung durch sein Amt zurück. Dass sie auch andere Ursachen haben könnten, kam dem Regierungschef nicht in den Sinn.

Der bewegliche junge Bismarck aus Studententagen, der ausgezeichnet fechten konnte, gern ritt, ein guter Schwimmer und gefragter Tänzer war, existierte nicht mehr. Bismarck litt an Rheuma, Gesichtsschmerzen, Magenkrämpfen, Gallenkoliken und grippalen Infekten. Es plagte ihn eine alte Beinverletzung und er klagte über Schlafstörungen. Wie angeschlagen der Reichskanzler war, blieb auch den Menschen in seiner nächsten Umgebung nicht verborgen. Der Legationsrat im Auswärtigen Amt, Arthur von Brauer schrieb im Mai 1883 in sein Tagebuch: „Ich hatte den Kanzler lange nicht gesehen und war über sein Aussehen erschrocken. Er hatte ungesunde, graue Gesichtsfarbe, war unförmlich dick geworden und von schwerfälligen Bewegungen."

Steak zum Frühstück

Die Hauptursache für Bismarcks Leiden war das übermäßige Essen und Trinken. Im Hause Bismarck genoss man die gute pommerische Küche. Bereits das Frühstück startete mit Roastbeef, Beefsteak und ähnlich schwerer Kost. Vom Wildschweinbraten über Hering, Kaviar, Stör und Pudding wurden alle Speisen mit reichlich Champagner, Wein und Bier heruntergespült.

Wie es Bismarck nach zu viel Essen ging, schildert der Chef der Reichskanzlei, Christoph von Tiedemann in seinen Tagebuchaufzeichnungen vom März 1880: „Beim Vortrage finde ich den Fürsten sehr elend, die Zunge erscheint gelähmt, das Aussehen erschreckend verändert. Er glaubt, gestern Abend einen Schlaganfall gehabt zu haben, hat nicht geschlafen, sich fortwährend übergeben. […] Die Fürstin sagt mir, ihr Mann habe gestern Abend unendliche Massen von Waldmeister-Bowlen-Eis zu sich genommen und dazu sechs Eier mit Butter gegessen."

Auch eine Verehrerin Bismarcks, die Frau des Württembergischen Gesandten in Berlin, Hildegard Freifrau von Spitzemberg, beklagte bereits 1872 den ungesunden Lebenswandel ihres Idols. „Wenn diese Riesennatur nur einigermaßen vernünftig Diät hielte im Essen und Trinken und Schlafen. Er würde uns alle überleben. Aber jahrelang mittags zwei Uhr aufstehen, von da  bis abends dreimal auf reichlichste essen und trinken, dazwischen aufregende Staatsgeschäfte bis 23.30, dann rauchen und Leute sehen bis nachts ein bis zwei Uhr, natürlich darauf schlaflos im Bette liegen bis gegen morgen und die Nachtruhe unter Tage nachholen.“

Ab 1880 wurde Bismarck regelmäßig von dem Hamburger Arzt Eduard Cohen aufgesucht. Ihm gelang es immerhin zeitweise den Lebenswandel in geordnete Bahnen zu lenken und mittels Diät das Gewicht seines Patienten von zirka 124 Kilo im Jahre 1879 auf 116 im Jahre 1881 zu reduzieren. Bismarck konnte wieder lange Spaziergänge machen und sogar reiten. Allerdings wurde der Reichskanzler rückfällig und vernachlässigte die strengen Regeln des Maßhaltens.

Nur noch zwei Stunden täglich denk- und arbeitsfähig

Ausgerechnet ein Bayer half Bismarck durch eine gezielte Diät seine gesundheitlichen Probleme zu heilen. Ab dem Frühsommer 1883 übernahm der Arzt Ernst Schweninger die Behandlung des Kanzlers. Zuvor waren bereits einige Mediziner an Bismarcks Hartnäckigkeit verzweifelt. Bismarck selbst hielt sich nur noch zwei Stunden pro Tag für denk- und arbeitsfähig. 

In Kontakt mit Schweninger kam Bismarck durch seinen Sohn Wilhelm, auch „Bill“ genannt. Bill hatte ebenfalls durch Übergewicht verursachte Herz- und Gichtbeschwerden. 1882 brachte er den Mediziner mit auf das Anwesen Varzin in Hinterpommern, wo er den Vater kennenlernte.

Schweninger soll sich schon äußerlich von seinen Ärztekollegen der damaligen Zeit unterschieden haben. Einer seiner Studenten beschrieb ihn später als elegante Erscheinung, die für einen Akademiker um 1900 ungewöhnlich war und nicht so ganz zu seiner robusten „bayerischen“ Statur passte. Aber auch in seinen medizinischen Überzeugungen ging der bayerische Arzt andere Wege. Während seine Kollegen der „Schulmedizin“ die Krankheit als abstrakten Sachverhalt wie aus Lehrbüchern behandelten, wie sie in der Realität aber so nur selten vorkam, stand für den Naturmediziner Schweninger der kranke Mensch im Vordergrund.

Bismarck akzeptiert Autorität des Arztes

Immerhin war der junge Arzt aus München der einzige Mediziner, auf den der Kanzler hörte. Schweninger verordnete eine strenge Diät. Die angewendete Kur war “ein streng individualisierendes, auf alle körperlichen und sonstigen Verhältnisse des Kranken Rücksicht nehmendes, hauptsächlich als Diätkur sich äußerndes Heilverfahren". Als der Kanzler rückfällig wird, drohte der Mediziner mit Abreise. Und Bismarck fügte sich.

Der damalige preußische Landwirtschaftsminister Freiherr Robert Lucius von Ballhausen vertraute seinem Tagebuch 1883 folgende Beobachtung an: „Allmählich gewann aber Schweninger eine solche Autorität über seinen Patienten, daß er ganz gefügig wurde und die lästigen diätischen Vorschriften befolgte, weil er sich durch die Erfahrungen über ihre Wirksamkeit belehrte. Nach Diätfehlern erlitt Bismarck schwere Rückfälle und überzeugte sich mehr und mehr von der Richtigkeit des Schweningerschen Regimes.“

Zusätzlich zur Diät entwirft Schweninger einen geregelten Tagesablauf für den Reichskanzler: „7 Uhr aufstehen, 10 bis 12 ½ Uhr Gehen und Sprechen mit Besuchern, dann gemeinschaftliches Dejeuner. Gehen allein, bis es dunkel wird. 6 Uhr Diner, eine bis zwei Pfeifen, 9 ½ Uhr pünktlich zieht er sich zurück."

Ausspannen kann der Kanzler auf seinen Besitzungen in Varzin und Friedrichsruh. Über die Jahre machte der Politiker Kuren in Bad Kissingen und Gastein. Die Gewichtsreduktion hatte dauerhaft Bestand. Bismarck wog ab 1886 nie mehr als 103 Kilo und dies bei einer Körpergröße von 1,93 Meter.

Das politische Ende des Reichskanzlers bestimmte aber nicht sein Gesundheitszustand, sondern der Wille des neuen Kaisers Wilhelm II. (1859-1941) zum sogenannten „persönlichen Regiment“. 1889/ 90 streikten die Arbeiter in Deutschland für bessere Arbeitsverhältnisse und in der Frage von Sonntagsruhe, Beschränkung der Arbeitszeit und Reduzierung von Frauen- und Kinderarbeit stand der Monarch auf ihrer Seite. Der alte Kanzler, der zudem Anfang 1890 seine Reichstagsmehrheit verloren hatte, kämpfte verbissen gegen die Forderungen der Arbeiterschaft.

Noch vor dem Einreichen des Entlassungsgesuches durch Bismarck im März, wurden ohne dessen Zustimmung die kaiserlichen Erlasse zum Arbeiterschutz veröffentlicht. Nach dem Ausscheiden aus allen Staatsämtern am 20. März 1890 zieht sich Bismarck auf seine Besitzungen zurück und stirbt 1898 im Alter von 83 Jahren in Friedrichsruh.
 
Exkurs: Bismarck und die Sozialversicherung

Otto von Bismarck gilt als Initiator der Sozialversicherung in Deutschland. Immer wieder wurde angeführt, dass er der Sozialdemokratie mit dieser Regelung den „Wind aus den Segeln“ nehmen wollte. Auch August Bebel glaubte, dass Bismarck „durch staatliche Sozialfürsorge die Arbeiter an den bestehenden monarchischen-konservativen Staat“ binden wolle „und auf diese Weise der revolutionären Sozialdemokratie entfremden“. Bismarcks Kalkül ging bekanntlich so nicht auf.

Der Krankenversicherung von 1883 folgte 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Alters- und Invalidenversicherung. Im letzten Jahrzehnt seiner Amtszeit als Kanzler war im Deutschen Reich unter seiner Aufsicht Historikern zufolge das wohl fortschrittlichste System der sozialen Sicherung in Europa eingeführt worden. Dass die Motivation Bismarcks nicht reine „Liebe zur Arbeiterschaft „ war, zeigten seine Reaktionen auf die Streikwelle zum Ende seiner Regierung.

Nachfolgend ein Auszug aus dem Gesetz, betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter in der Fassung vom 15. Juni 1883:
„§. 6. Als Krankenunterstützung ist zu gewähren:
1. vom Beginn der Krankheit ab freie ärztliche Behandlung, Arznei, sowie Brillen, Bruchbänder und ähnliche Heilmittel;
2. im Falle der Erwerbsunfähigkeit, vom dritten Tage nach dem Tage der Erkrankung ab für jeden Arbeitstag ein Krankengeld in Höhe der Hälfte des ortsüblichen Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter.
Die Krankenunterstützung endet spätestens mit dem Ablauf der dreizehnten Woche nach Beginn der Krankheit. Die Gemeinden sind ermächtigt, zu beschließen, daß bei Krankheiten, welche die Betheiligten sich vorsätzlich oder durch schuldhafte Betheiligung bei Schlägereien oder Raufhändeln, durch Trunkfälligkeit oder geschlechtliche Ausschweifungen zugezogen haben, das Krankengeld gar nicht oder nur theilweise gewährt wird, sowie daß Personen, welche der Versicherungspflicht nicht unterliegen und freiwillig der Gemeinde-Krankenversicherung beitreten, erst nach Ablauf einer auf höchstens sechs Wochen vom Beitritte ab zu bemessenden Frist Krankenunterstützung erhalten. Das Krankengeld ist wöchentlich postnumerando zu zahlen“ (vgl. Deutsches Reichsgesetzblatt Band 1883, Nr. 9).

 


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