ck/pm
14.05.13 / 11:35
Gesellschaft

Geringe Ressourcen

Fast jedes zweite Kind mit türkischem Migrationshintergrund wächst in einem Elternhaus mit niedrigem Bildungsniveau auf, bilanziert das Deutsche Jugendinstitut.



Rund ein Drittel der Kinder unter 15 Jahren in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, berichten die Autoren in dem Kinder-Migrationsreport des Deutschen Jugendinstituts. Neun von zehn sind in Deutschland geboren, sieben haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Die meisten leben in Familien mit hohem sowie mittlerem Berufs- und Bildungsniveau.

Obwohl die Mehrheit der Kinder mit Zuwanderungshintergrund nicht in Armut lebt, verfügen sie im Unterschied zu ihren Altersgenossen ohne Migrationshintergrund über nur geringe kulturelle, soziale und ökonomische Ressourcen im Elternhaus.

Keine homogene Gruppe

Kinder mit Migrationshintergrund sind keine homogene Gruppe. Ihre Lebenslagen und Lebenssituationen unterscheiden sich teilweise erheblich nach den Regionen, in denen sie aufwachsen, nach ihrer, vom sozialen Status der Eltern abgeleiteten, sozialen Position in der Gesellschaft, nach Altersstufen und nach Geschlecht.

Zudem sind ihre Eltern oder Großeltern aus unterschiedlichen Ländern der Welt zugewandert. Manche Kinder haben selbst den Migrationsprozess miterlebt, manche haben in Deutschland geborene (Groß-)Eltern beziehungsweise. (Groß-) Elternteile, viele sind selbst hier geboren.

Kinder mit Migrationshintergrund wachsen deutlich häufiger als Kinder ohne Migrationshintergrund in Familien mit geringen sozialen, ökonomischen und bildungsbezogenen Ressourcen auf. Fast jedes sechste Kind mit Migrationshintergrund lebt in einem familiären Kontext, der durch Armut und Erwerbslosigkeit geprägt ist, und beinahe jedes vierte wächst in einem Elternhaus mit einem niedrigen Bildungsniveau auf. Bei den Kindern ohne Migrationshintergrund gilt dies für fast jedes 13. beziehungsweise jedes 17.

Beidseitiger Migrationshintergrund belastet

Vor allem Kinder mit beidseitigem Migrationshintergrund sind erheblichen ökonomischen, sozialen und kulturellen Risiken ausgesetzt. Am höchsten belastet sind Kinder mit türkischem Migrationshintergrund: Hier wächst fast jedes zweite Kind in einem Elternhaus mit einem niedrigen Bildungsniveau auf, jedes fünfte lebt in Armut bzw. in einer Familie, in der die Eltern nicht erwerbstätig sind.

Ein gutes Familienklima und enge Beziehungen zu den Eltern erleben die meisten Kinder mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen; Kinder mit Eltern aus Arabien/Nordafrika und der Türkei berichten allerdings häufiger von Gewalterfahrungen.

Das Familienklima wird sowohl von Kindern mit als auch ohne Migrationshintergrund über alle Schichten hinweg überwiegend positiv beurteilt. Lediglich die Kommunikation mit dem Vater wird von Kindern aus niedrigeren sozialen Schichten schlechter bewertet.

Mit Angaben zu einem generell harmonischen Familienleben divergieren Ergebnisse anderer Untersuchungen, nach denen ein doppelt so hoher Anteil von Mädchen und Jungen mit als ohne Zuwanderungsgeschichte von Gewalterfahrungen in der Familie berichtet. Am höchsten ist der Anteil von Kindern aus den Herkunftsregionen Arabien/Nordafrika und Türkei. Diese Divergenzen deuten auf weiteren Forschungsbedarf hin.

Streben nach Bildung

Kinder mit Migrationshintergrund sind lernfreudig und haben ebenso wie ihre Eltern hohe Bildungsaspirationen. Vor allem Mädchen und Jungen mit beidseitigem Zuwanderungshintergrund haben aber auch häufiger Angst, die angestrebten Schulabschlüsse nicht zu erreichen.

Mehrere Datenquellen belegen, dass Eltern mit Migrationshintergrund hohe Bildungsaspirationen für ihre Kinder haben. Diese Erwartungen teilen die 9- bis 12-jährigen Kinder mit Migrationshintergrund, von denen mehr als zwei Drittel die Schule mit der Hochschulreife abschließen möchten. Auch wenn die Mehrzahl dieser Kinder beteuert, die Schule nicht als belastend zu empfinden, sorgt sie sich, den angestrebten Schulabschluss nicht zu erreichen.

Darin unterscheiden sie sich nicht von Kindern ohne Migrationshintergrund. In der Gruppe der Schüler, deren Eltern beide nach Deutschland zugewandert sind, ist diese Befürchtung allerdings deutlich ausgeprägter als in den Vergleichsgruppen. Sie äußern auch mit Abstand am häufigsten - zu 70 Prozent gegenüber durchschnittlich 43 Prozent -, dass für sie Noten und Zeugnisse das Wichtigste in der Schule seien.

Der Kinder-Migrationsreport des Deutschen Jugendinstituts trägt Ergebnisse repräsentativer Erhebungen zu Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte zusammen und ergänzt sie durch eigene kindbezogene beziehungsweise altersspezifische Auswertungen von Daten des Mikrozensus sowie des DJI-Surveys "Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) von 2009.


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