Jürgen Haar
12.06.15 / 08:23
Gesellschaft

Meist hilft nur Zähne ziehen

Für alle ist es kleines Abenteuer. Behandelt wird in einem umgebauten Militärlaster der ehemaligen DDR-Volksarmee, zu viert leben die Frauen in einer kleinen Zweizimmerwohnung und die Gegend gehört zu den gefährlichsten Regionen des Landes. Mit vielen Eindrücken und einem "guten Gefühl" kamen die Sindelfingerinnen jetzt von ihrem Hilfseinsatz in Brasilien zurück.




Von Deutschland geht es mit dem Flieger über die Großstädte Salvador und Recife in die brasilianische Provinz. Rund um Cabedelo leben etwa 50.000 Menschen, 15.000 davon in einer Favela. Für Dr. Katja Thoma, Dr. Cornelia Sonnenberg, Susanne Müller und Birgit Downar aus Sindelfingen ist das Armenviertel am Rande der Stadt für zwei Wochen ihr Arbeitsplatz.

Im Namen der Arbeitsgemeinschaft Zahnarzthilfe Brasilien (AZB) arbeiten die beiden Zahnärztinnen, die zahnmedizinische Fachassistentin Müller sowie die Zahntechnikerin und selbstständige Fotografin Downar ehrenamtlich in Cabedelo. Zu tun haben die meisten Menschen in Cabedelo etwas. Kleine Jobs, Gelegenheitsarbeiten - damit hält man sich in der Stadt am Meer über Wasser. Ein Brotlager am Stadtrand versorgt die Ärmsten mit dem Nötigsten. Die Armut ist spürbar, die medizinische Versorgung mangelhaft. „Weit und breit gibt es für die normale Bevölkerung keinen Zahnarzt“, sagt Thoma. Deshalb sind sie hier. Die AZB organisiert mit Zahnärzten aus Deutschland das Allernötigste.

Das heißt für Katja Thoma und Cornelia Sonnenberg: Zähne ziehen. Bei den meisten der täglich etwa 30 Patienten, die von morgens um neun bis abends behandelt werden, gibt es nur eins: Der Zahn muss raus. Wenn möglich, werden Korrekturen an den Frontzähnen vorgenommen, die jungen Patienten bekommen Füllungen, damit sie ihre Zähne nicht so schnell verlieren. „Jenseits der 15 gab es keinen, der noch alle Zähne hat“, sagt Susanne Müller.

Zahnbürsten im Gepäck

Auch wenn es insgesamt mit der Zahngesundheit in Brasilien katastrophal bestellt ist: "Die Mundhygiene unserer Patienten ist gar nicht so schlecht“, freut sich Müller, die in Sindelfingen als Praxismanagerin arbeitet. Das wird in Cabedelo auch nach der Rückkehr der Sindelfingerinnen so bleiben, denn ihr Gepäck stopften die vier Frauen mit Zahnbürsten voll, die ihnen die Firma Nordwest-Dental spendiert hat. Schon während des Studiums träumten die Zahnmedizinerinnen vom Hilfseinsatz im Ausland. Katja Thomas Kollegin Dr. Andrea Ott war schon in Recife im Einsatz. Das Engagement ist ehrenamtlich, ihre Reise bezahlen die vier Sindelfingerinnen selbst.

Die kleine Wohnung neben einer Sozialstation, sechs Kilometer von der Favela entfernt, wird den vier Frauen gestellt. Zum Mittagessen sind sie von einer brasilianischen Familie eingeladen. Dr. Jörg Schmoll und Dr. Utz Wagner, zwei deutsche Zahnärzte von der AZB, unterstützen das Team am Anfang, organisieren alles perfekt. Die Kollegen schreiben einen Zettel mit den wichtigsten Fragen auf Portugiesisch: „Ziehen oder Füllung?“, „Haben Sie Schmerzen?“ oder „Schmerzt es bei Kalt?“. Das wichtigste Wort aber ist „aba“: öffnen.

Auch Maria de Penha ist den Frauen eine große Hilfe. Die Brasilianerin arbeitet im „Dentomobil“ mit. Dafür bekommt die junge Frau mit Abitur ein Zeugnis und damit vielleicht bald einen Job. Dies und vieles andere, was sie in Brasilien erleben, empfinden Katja Thoma und ihre Mitstreiterinnen als eine „große Bereicherung“. Die körperliche Belastung wegen der Hitze ist groß, doch „das Team funktioniert“, sagt Susanne Müller. Zurück in Deutschland gibt es viele positive Reaktionen. Nicht nur deshalb wird es beim Hilfseinsatz in Brasilien nicht bleiben. Wenn alles klappt, geht es im Januar 2016 wieder auf Tour: Zähne ziehen.


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