Sonja Schultz
18.05.15 / 08:20
Gesellschaft

Psychosen anders heilen

Für junge Menschen, bei denen zum ersten Mal eine schizophrene Psychose ausbricht, ist der Psychiatrieaufenthalt oft mit großer Angst, Freiheitseinschränkung und Stigmatisierung verbunden. Die "Soteria" will es anders machen.



Soteria ist Altgriechisch und bedeutet Heilung, Wohl, Rettung. Der Name kommt nicht von ungefähr. Viele Patienten finden an diesem Ort erstmals Halt. Werner_Huthmacher_Photography

Das Wort „Psychiatrie“ löst automatisch Assoziationen aus: klinisch weiße Flure, verschlossene Stationstüren, standardisiertes Krankenhausessen, tägliche Medikamenteneinnahme. Die Soteria in Berlin sieht anders aus. In der geräumigen Wohnküche steht ein langer Eichenholztisch, an dem viele Menschen Platz finden. Ein Wintergarten lädt mit Sitzsäcken, Kicker und Musikinstrumenten zum Entspannen ein. In Fluren und Zimmern mischen sich Grün- und Gelbtöne mit einem hellen Grau.

Das beruhigende Farbkonzept hat Architekt Jason Danziger nach Befragungen von Psychiatriepatienten und -mitarbeitern entworfen. Es riecht weder nach Desinfektionsmittel und Linoleum, noch hüllt sich das Personal in weiße Kittel. Alle Türen sind offen. Im Innenhof gibt es sogar ein eigenes Stationsbeet, in dem Schnittlauch, Zucchini oder Karotten geerntet werden können. Was optisch an eine weitläufige, modern eingerichtete Wohngemeinschaft erinnert, ist Berlins erste Soteria. Soteria, das steht im Altgriechischen für Heilung, Wohl, Rettung. 

Therapeutische Ersatzfamilie

Vor eineinhalb Jahren eröffnete das spezielle Behandlungsangebot für junge Menschen in psychotischen Krisen. Im Fokus stehen 18- bis 35-Jährige, die zum ersten Mal in eine psychotische Krise geraten oder Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis entwickeln. Junge Menschen, die Stimmen hören, sich verfolgt fühlen, starke Ängste verspüren oder unter Halluzinationen leiden. Es sind Erkrankungen, die bei Betroffenen und Angehörigen zu enormem Leiden führen und gesellschaftlich stark tabubehaftet sind. Hinzu kommt die Angst vor dem ersten Kontakt mit dem psychiatrischen Versorgungssystem. Die Besonderheit der Soteria ist jedoch: Es gibt nur zwölf Betten - und nicht wie auf herkömmlichen psychiatrischen Stationen 25 oder mehr.

Auf die Einzelschicksale kann hier besser eingegangen werden. Und die Patienten, die in der Regel für drei bis vier Monate bleiben, leben tatsächlich wie in einer Art Ersatzfamilie auf Zeit: Sie kaufen selbst ein, kochen und essen miteinander. So gibt mitten in der Krise der gemeinsame Alltag Halt. „Milieutherapie“ nennt sich dieser gemeinschaftliche Ansatz einer Orientierung an der Normalität und am „echten Leben“. Auch einfache Tätigkeiten wie Gemüse schneiden oder die Spülmaschine ausräumen, können therapeutisch wirken.


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