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31.10.12 / 09:21
Gesellschaft

Sitzwache im Hospizdienst

Ilse Danneil hat schon mehrere hundert Menschen beim Sterben begleitet. Sie gehört zu den 6.000 Menschen, die den Menschen die Angst vor dem Alleinsein in den letzten Stunden nehmen wollen.



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Die Angst vor einem einsamen Tod beunruhigt viele Ältere. Die Stuttgarter Seelsorgerin Ursula Lesny wollte diese Angst bekämpfen und begann, Menschen für die Sterbebegleitung zu gewinnen. Sie gründete 1984 die erste Sitzwachengruppe.

Von der Sitzwache zur Hospizarbeit

"Aus der Idee der Sitzwache ist die ganze Hospizarbeit entstanden", erklärt Bernhard Bayer, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Baden-Württemberg. Heute gehört die Sitzwache ins Konzept der Palliativpflege und hat sich unter dem Begriff "ambulante Hospizarbeit" etabliert.

Sterbebegleitung an jedem Ort

Im Südwesten sind über 260 ambulante Hospizdienste, Sitzwachengruppen sowie Kinder- und Jugendhospizdienste aktiv. "Ambulante Hospizarbeit bedeutet für uns Begleitung beim Sterben an jedem Ort", sagt Barbara Oppenländer, Koordinatorin und Einsatzleiterin am Hospiz St. Martin in Stuttgart. 

Mehr als 6.000 ehrenamtliche Mitarbeiter im Südwesten leisten Sterbebegleitung bei den Betroffenen zuhause, in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern sowie in Hospizen. Um als ehrenamtliche Sitzwache tätig zu sein, ist keine Ausbildung im eigentlichen Sinn nötig.

Die Ehrenamtlichen bereiten sich in mehreren Wochenendseminaren und mit einem Praktikum auf ihren Dienst vor. "Es kann jeder kommen, der meint, ich möchte diese Arbeit machen", erklärt Oppenländer. 

Jede Begleitung ist persönlich

Eine höchst erfahrene Sterbebegleiterin ist Ilse Danneil. Die 72-Jährige hat schon einige hundert Menschen in ihrem letzten Augenblick beigestanden. "Jede Begleitung ist etwas ganz Persönliches und Individuelles", erzählt sie.

Nähe versus Anwesenheit

Wie der Mensch auf sie wirke und vor allem auch, wie sie auf den Betroffenen wirkt, sei ganz entscheidend. Man müsse das Gespür entwickeln, um zu merken, was der Mensch von der Sitzwache möchte: Nähe oder einfach die Anwesenheit, um sich nicht alleine zu fühlen.

Die Hilflosigkeit aushalten

"Wenn man am Anfang steht, dann bringt man eigene Ängste mit rein", erinnert sich Danneil. "Aber diese Hilflosigkeit auszuhalten, dass ich dem Betroffenen nicht helfen kann, außer vielleicht ein bisschen durch meine Anwesenheit, das ist schwierig". 

Die Initialzündung für dieses Engagement war bei ihr die Wut über den Zustand, dass "alte Menschen, die ihr Leben gelebt haben, einfach so ins Abseits gestellt werden". "Es war so ein inneres Bedürfnis, dagegen zu steuern", sagt die agile und lebensfrohe Frau.

Dann ist keine Maske mehr da

Dieser Dienst sei trotz der belastenden und hilflosen Situationen, "so wertvoll und so eine Bereicherung für das eigene Leben, dass ich denke, dass es mit das Beste war, was ich damals gemacht habe", erzählt sie freudig. "Ich liebe die Nähe zu den Menschen in dieser Phase, da ist keine Maske mehr, da ist alles ehrlich und das berührt mich".

Sie gehe aus jeder Begegnung wie eine "Beschenkte" heraus.  Anfragen für eine Begleitung kommen von Angehörigen, vom Pflegedienst, von Pflegeeinrichtungen und von Betroffenen selbst. Die ambulante Hospizarbeit wird deutschlandweit angeboten.

Finanziert werden ambulante Hospizdienste durch Zuschüsse der gesetzlichen Krankenkassen, die sich nach der Anzahl der Ehrenamtlichen und der Anzahl der Sterbebegleitungen richtet und durch Spenden. Die Krankenkassen stellen auch die Qualifikationsanforderungen an die Hauptamtlichen.

Ambulante Hospizarbeit ersetzt nicht die Pflege

Knapp 4,8 Millionen Euro haben die Krankenkassen im Südwesten dieses Jahr an Zuschüssen gezahlt. Für Sterbende sind die Leistungen kostenfrei. Jeder gesetzlich Krankenversicherte hat ein Anrecht auf Sterbebegleitung zuhause oder im Pflegeheim. 

Ambulante Hospizarbeit ersetze nicht die pflegerischen Leistungen sagt Oppenländer. Die Ehrenamtlichen seien für die psychosoziale Betreuung da und wollen auch nicht die Familien aus dieser Arbeit ausgrenzen.

Kaffeetrinken gehört manchmal auch dazu

Sitzwache beschränke sich außerdem nicht nur auf den wortwörtlichen Sinn, ergänzt Danneil. Es komme auch vor, dass sie mit den Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben, noch etwas unternehme, wie zum Beispiel einen Kaffee trinken zu gehen. 

"Die ursprünglichen Familien können vielfach diese Aufgaben gar nicht mehr übernehmen, nicht weil das schlechte Menschen sind, sondern weil sie beispielsweise gezwungen sind, dort zu wohnen, wo sie auch Arbeit haben", sagt Bayer. 



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