Sonja Schultz
02.04.15 / 16:11
Gesellschaft

Tödliche Medizin: die braune Vergangenheit der Ärzte

In der Nachkriegszeit herrschte Schweigen. Heute ist die Aufarbeitung der NS-Zeit an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen stark vorangeschritten. Gerade auch an den medizinischen Fakultäten.




Es ist noch keine drei Jahre her, da wurden auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg Hirnschnitte von Kindern beigesetzt, die im „Dritten Reich“ der „Euthanasie“ zum Opfer gefallen waren - wie man die systematischen Ermordungen euphemistisch nannte. Seit Kriegsende lagerten die Präparate unerkannt in den medizinischen Archiven.

Die Gräueltaten lassen uns nicht los

„Es geht nicht nur um gestern, es geht vor allem um heute. Die Gräueltaten aus der Zeit des Nationalsozialismus, die auch im Namen der Universitätsmedizin begangen worden sind, lassen uns nicht los.“ Das erklärt der ehemalige Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Hendrik van den Bussche, im Vorwort zu seiner 2014 erschienenen Untersuchung der Hamburger Universitätsmedizin im Nationalsozialismus. Der gewichtige Band zählt zu den jüngeren Veröffentlichungen zur Wissenschaftsgeschichte der NS-Diktatur. 

Lange Zeit galt die Beteiligung der deutschen Wissenschaft an Repression, Verbrechen und Genozid als Tabuthema. Nachdem der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich seine ersten Schriften zu den 1946 bis 47 in Nürnberg geführten NS-Ärzteprozessen veröffentlicht hatte, wurde er zu einem der „bestgehassten Männer der deutschen Medizin“ (Robert Lifton).

Ursprünglich war er von den Ärztekammern der Westzonen beauftragt worden, in seinem Bericht möglichst nicht von einer allgemeinen Schuld der Ärzteschaft zu sprechen. Doch Mitscherlichs Prozessbeobachtungen führten die Taten von Tötungsärzten wie Karl Brandt oder an Menschenversuchen beteiligten Medizinern wie Karl Gebhardt schonungslos auf. Damit versperrte er sich in Deutschland jede weitere Karriere an einer medizinischen Fakultät. Zu stark war der Korpsgeist der Doktoren.

Das exzessive Frauenstudium ist drängender

Eine echte Entnazifizierung hat auch an den Universitäten und Forschungsinstituten zunächst nicht stattgefunden. Hendrik van den Bussche schreibt über die akademische Schuldabwehr: „In den Fakultätssitzungen der unmittelbaren Nachkriegszeit war das angeblich drängendste politische Thema, wie man das ‚exzessive‘ Frauenstudium wieder zurückdrängen könnte.“

Währenddessen kehrten große Teile der NS-Hochschullehrerschaft in Amt und Würden zurück. Männer wie der Hirnforscher Julius Hallervorden, bekannt für seine Sammlung präparierter Gehirne von ermordeten Kindern und Erwachsenen, wurde 1949 Abteilungsleiter am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Gießen.

Den Kinderarzt Werner Catel, verantwortlich für die „Euthanasie“ kranker und behinderter Kinder, berief die Kieler Universität 1954 zum Professor für Kinderheilkunde. Für die Tötung von Kindern mit Fehlbildungen sprach Catel sich weiterhin aus. Zwei Beispiele von vielen. 


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