eb/dpa
02.11.12 / 09:55
Gesellschaft

Unterwegs für die Sterbehilfe

Seit zehn Jahren ist aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen in den Niederlanden legal. Neuerdings sind mobile Teams im Einsatz, um kranken Menschen ihren Todeswunsch zu erfüllen.



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Ruud Lourens hatte seinen Todestag selbst gewählt. Am 19. August um 15 Uhr kam der Arzt und gab ihm die Todesspritze. "Er hat diesen Tag herbeigesehnt", sagt seine Witwe Wilma. "Er ist sehr friedlich eingeschlafen." Der 63-jährige Niederländer gehörte zu den ersten Patienten der "Lebensende-Klinik" in Den Haag. Im März wurde die Einrichtung eröffnet, und die Zahl der Klienten steigt stetig. 

Seit zehn Jahren ist der Tod auf Verlangen in den Niederlanden unter bestimmten Bedingungen legal: Ein Patient muss unerträglich leiden, aussichtslos krank sein und selbst ausdrücklich darum gebeten haben, sterben zu dürfen. Ein zweiter Arzt muss das Gesuch prüfen, und jeder Fall muss bei einer staatlichen Kommission gemeldet werden.

Jede dritte Bitte wird abgelehnt

In Deutschland ist die aktive Sterbehilfe hingegen strafbar. Wer jemanden auf dessen eigenen Wunsch hin tötet, wird nach deutschem Recht wegen "Tötung auf Verlangen" mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft  In den Niederlanden starben im vergangenen Jahr 3.695 Menschen mit aktiver Hilfe eines Arztes. Doch jede dritte Bitte wird abgelehnt. Entweder weil Ärzte dies mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können - oder weil die gesetzlichen Kriterien nicht erfüllt werden. 

Das war auch bei Ruud Lourens erstmal so. Gut zehn Jahre lang litt ihr Mann an Multipler Sklerose, sagt Wilma. "Vom Hals bis zu den Füßen war er gelähmt, aber sein Kopf funktionierte noch völlig." Er lag in einem Pflegeheim. "Er konnte nur noch an die Decke starren."

Der frühere Seemann wollte sterben

Der frühere Seemann wollte sterben, doch kein Arzt wollte ihm helfen, empört sich die Witwe. Er habe ja keine Schmerzen, hätten die Ärzte gesagt. "Das war unmenschlich. Er krepierte einfach." 

Für Patienten wie Ruud hatte die niederländische Vereinigung für ein Freiwilliges Lebensende (NVVE) im März die erste "Lebensende- Klinik" des Landes in Den Haag eröffnet. "Der Bedarf ist sehr groß", sagte die NVVE-Vorsitzende Petra de Jong bei der ersten Bilanz der Einrichtung. Bislang meldeten sich 456 Patienten, die den Wunsch hatten zu sterben. In 21 Fällen wurde er erfüllt. 

Bisher starb noch niemand in den Räumen der Klinik. "Die meisten Patienten wollen zu Hause sterben", sagt die Medizinerin de Jong. 15 mobile Teams aus je einem Arzt und einer Pflegekraft sind daher mittlerweile im ganzen Land im Einsatz, im März waren es erst sechs. 

Leichtfertiger Umgang mit dem Leben psychisch Kranker?

Kritik an der "Lebensende-Klinik" haben vor allem der Ärzteverband, Kirchen und christliche Parteien. Sie fürchten, dass zu leichtfertig auch nicht Todkranken oder psychisch labilen Patienten der Todeswunsch erfüllt wird. "Wir halten uns streng an das Gesetz", betont hingegen Petra de Jong.

Doch die Sorgen sind nicht unberechtigt. Von den Patienten der Klinik hat nach Angaben de Jongs immerhin jeder zweite ein psychisches Leiden. Sieben Prozent von ihnen seien demenzkrank. 

Die Dienste der Klinik waren für Ruud Lourens ein Segen, betont seine Witwe. An ihrer Trauer aber ändert das nichts. "Ich habe ihn verloren."



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