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23.07.13 / 10:15
Gesellschaft

Urlaub von der Pflege

Wer Angehörige zu Hause pflegt, leistet Schwerstarbeit und hat Erholung verdient. Die Krankenkassen erkennen den Anspruch auf Entlastung an und bezahlen die Pflege für 28 Tage im Jahr. Doch nur wenige machen Gebrauch davon.



Mit den Nerven ist sie am Ende. Urlaub machen ist trotzdem nicht drin: Das schlechte Gewissen hält sie davon ab, ihre Schwiegermutter in der Zeit professionell betreuen zu lassen. TK

Das Pflegeheim "Haus Ecktannen" der Diakonie in Waren hält ein Bett frei für die Pflege im Urlaub oder bei Verhinderung des Pflegers, etwa im Krankheitsfall. Die Kosten für den Pflegebedarf während des Urlaubs übernehmen die Krankenkassen. Die Patienten zahlen pro Tag je nach Heim für Unterkunft und Essen rund 30 Euro dazu. 

Völlig am Ende

Leiterin Ellen Geyer, "Ich erlebe Angehörige, die richtig fertig und selbst am Ende sind, bevor sie sich einen Urlaub gönnen." Die Pastorin will diesen Menschen den Rücken stärken: "Sie sollten den Mut haben, die Urlaubspflege in Anspruch zu nehmen, damit sie selbst wieder Kraft schöpfen und länger ihre Aufgabe bewältigen können."

Wer pflegebedürftige Eltern, Ehepartner oder Kinder für ein oder zwei Wochen ins Heim gebe, sei oft froh - auf der anderen Seite plage ihn das schlechte Gewissen. Diese Erfahrung hat auch der private Pflegedienst von Waltraud Stark in Rostock gemacht.

Hauptsache, es gefällt den Patienten

"Wenn es den Patienten aber gefällt, ist alles wieder gut", sagte Pflegedienstleiterin Sabine Ganz. Die Einrichtung habe neun Gästebetten. Es gebe schon einige Stammgäste, die immer wieder kommen. Für die alten und zum Teil dementen Patienten stehen sieben Einzelzimmer mit Bad, ein Doppelzimmer und ein Gemeinschaftsraum zur Verfügung. Sie würden 24 Stunden am Tag betreut. In der Urlaubszeit ist das Haus ausgebucht, wie Ganz sagte. In Waren gibt es schon Voranmeldungen für 2014. 

Gerade Demenzkranken fällt es schwer, sich an einen neuen Ort zu gewöhnen. Für sie ist die Verbindung von Senioren- und Tagespflege mit der Urlaubsbetreuung günstig. In Gägelow bei Wismar betreibt der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) eine solche Einrichtung. "Wenn die Leute schon die Tagespflege kennen, sind sie hier gleich vertraut", sagte die Geschäftsführerin des ASB-Kreisverbandes Wismar, Sonja Burmeister. Die Patienten würden dann nach der Tagespflege nicht nach Hause gebracht, sondern in der Einrichtung weiter betreut. 

Manche Patienten sperren sich

Zur Urlaubszeit, aber auch zu Weihnachten und zum Jahreswechsel werde das Angebot zunehmend angenommen. "Manche Patienten sperren sich", gibt Burmeister zu. Sie könnten nicht einsehen, dass ihre Kinder, die oft selbst schon Enkel haben, auch einmal Zeit für den Rest der Familie brauchten. Manchen wiederum gefalle der Kontakt zu anderen Menschen, und sie kämen dann auch in die Tagespflege. 

Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) würdigte die Angehörigen als größten Pflegedienstleister im Land. "Sie brauchen auch mal Urlaub, um wieder Kraft zu tanken für diese anstrengende Aufgabe. Das gleiche gilt für die Kurzzeit- und Verhinderungspflege, wenn aus Krankheits-, persönlichen oder beruflichen Gründen kurzfristig eine Unterstützung benötigt wird." 

Urlaub macht ein schlechtes Gewissen

Krankenkassen zufolge lösen vergleichsweise wenige pflegende Angehörige ihren Anspruch auf eine Auszeit ein. Die Tendenz sei aber steigend, 2012 um 7 Prozent im Vergleich zu 2011, teilte die AOK Nordost mit. Sie hat die meisten Pflegegeldempfänger in Mecklenburg- Vorpommern, rund 37.000, wie ein Sprecher sagt. Im Vorjahr habe sie rund 7.200 Anträge auf Urlaubs- und Verhinderungspflege erhalten, für etwa 19,5 Prozent der Betroffenen. Nur für 12 Prozent oder etwa 900 Menschen sei die zeitweilige Aufnahme in ein Pflegeheim beantragt. 

Noch geringer ist die Inanspruchnahme bei der Techniker Krankenkasse (TK). Von ihren knapp 1.600 Pflegebedürftigen im Land hätten im vorigen Jahr 142 und damit nur rund 7 Prozent die Urlaubs- und Verhinderungspflege beantragt, berichtete eine Sprecherin in Schwerin. Damit liegt der Nordosten etwa im Bundesdurchschnitt.

Nach Ansicht der TK wissen die Angehörigen um ihren Anspruch, aber sie hätten ein schlechtes Gewissen, einen Patienten tagelang in fremde Obhut zu geben. "Dabei leisten sie Rekordarbeit", sagte die Sprecherin. Eine gute Lösung wären aus ihrer Sicht gemeinsame Ferienangebote für Familien mit Pflegebedürftigen. 

von Birgit Sander


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