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12.04.15 / 08:00
Gesellschaft

"Wir spüren Pegida!"

Ausländische Ärzte sollen den Medizinermangel bei uns kompensieren. Die aber sind zurückhaltend und fragen sich: Sind wir hier überhaupt willkommen? Pegida und die NSU beschädigen das Image.



Viele ausländische Ärzte sind sich nicht mehr sicher, ob sie in Deutschland arbeiten wollen. Pegida schreckt auch sie ab. picture_alliance

Insgesamt 179 arbeitslose Ärzte und 1.809 gemeldete freie Stellen gibt es derzeit in Deutschland. Das aber sind nur die offiziellen Zahlen. In Wirklichkeit sind sehr viel mehr Positionen unbesetzt, sagte Frank Böttcher, Geschäftsbereichsleiter Internationaler Personalservice, ZAV, bei der Bundesagentur für Arbeit, auf einer Veranstaltung in Köln.

Spezialisierung erschwert Stellenbesetzung

Laut Böttcher arbeiteten 2014 alles in allem 233.614 Ärzte im Angestelltenverhältnis, 966 lebten von Hartz IV. "2,2 arbeitslose Ärzte kommen auf eine freie Stelle", berichtete der Fachmann. "Die Spezialisierung im Arztberuf und die damit einhergehenden Facharztgruppen bewirken, dass freie Stellen oft nicht besetzt werden können." Darüber hinaus sei die ärztliche Versorgung in ihrer Regionalität bekanntlich höchst unterschiedlich ausgeprägt. Böttcher: "In Hamburg kommen auf 100.000 Einwohner 600 Ärzte, in Brandenburg 345."

Eine Lösung: ausländische Ärzte anzuwerben. Ein Modell, das allerdings nur sehr schleppend funktioniert, wie Böttcher anhand von Zahlen belegt: "1991 waren 10.653 ausländische Ärzte in Deutschland  bei den Kammern registriert, 2013 waren es 35.893." 

Obgleich Böttcher zufolge im Ausland sehr viele Ärzte qualifiziert ausgebildet werden und " das Potenzial vorhanden ist", bleibt der Run aus. Ein Grund dafür sei unter anderem die starke Konkurrenz zu Skandinavien, das ebenfalls um gute Mediziner buhlt. Böttcher: "Europa wird für Anwerbung zu eng."

Ein weiteres Problem: die Sprache. Da es keine öffentlichen Mittel für Sprachkurse gibt, sei es für ausländische Ärzte schwer, die Deutsch zu lernen, insbesondere beim Fachvokabular stünden sie hilflos da. Außerdem schwierig und langwierig: das Anmeldungsverfahren bei Fachärzten aus Drittländern.

Unsere Willkommenskultur: stark verbesserungswürdig

Ein wesentlicher Faktor sei darüber hinaus die fehlende Gastfreundschaft in Deutschland. Laut Böttcher sind Kandidaten aus dem Ausland sehr skeptisch und fragen sich, ob sie in Deutschland überhaupt willkommen sind und hier leben, arbeiten und wohlfühlen können. "Die Willkommenskultur ist hierzulande stark verbesserungswürdig!" Viele Ärzte verfolgen demnach die Nachrichten, sehen die Demonstrationen gegen Ausländer und sind abgeschreckt. "Wir spüren die Reaktionen auf Pegida und die NSU sehr deutlich", sagte Böttcher und machte klar, wie sehr das Bild Deutschlands im Ausland durch den Fremdenhass beschädigt wird. Er appellierte an die Arbeitgeber, bei der Einstellung ausländischer Kollegen Kompromisse einzugehen.


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