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31.01.17 / 14:07
Medizin

2x täglich krebserregend?

Titandioxid ist in Zahnpasten, Kaugummis und Lebensmitteln enthalten. Das Bleichmittel steht seit Jahren im Verdacht, karzinogen zu wirken. Eine neue Studie beweist dies nun erstmals für die orale Aufnahme.




Für die Online erschienene Studie der Zeitschrift Nature hatte das französische Forscherteam der Universität von Toulouse 100 Tage lang einer Gruppe von Ratten so viel Titandioxid (E171) mit dem Trinkwasser verabreicht, wie es Menschen proportional gesehen über Kosmetika oder Lebensmittel aufnehmen. Bei rund 40 Prozent der Tiere bildeten sich Tumore im Darmtrakt.

Die Studienautoren folgerten, dass das Titandioxid die Entwicklung dieser Wucherungen beschleunige, wobei einige zunächst gutartig gewesen seien, aber ein großes Potenzial gehabt hätten, bösartig zu werden.

Als Folge der Veröffentlichung wurde in verschiedenen Publikumsmedien die Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf den Menschen diskutiert. Immerhin ist der weiße Lebensmittelfarbstoff E171 aktuell ohne Höchstmengenbeschränkung (quantum satis = qs) in Lebensmitteln zugelassen und aufgrund seiner Eigenschaften auch oft als Käse- oder Soßenaufheller, für Überzüge von Dragees und Kaugummis oder eben in Zahnpasta zu finden.

Auf unsere Nachfragen erhielten wir von den Zahnpastaherstellern Rossmann, Miradent und Murnauers bis jetzt keine Antworten. Das Bundesamt für Risikobewertung meldete sich auf die Anfrage zurück und kündigte eine zeitnahe Stellungnahme an.

"Ergebnisse sind nicht auf den Menschen übertragbar"

Prof. Franz-Xaver Reichl, Leiter der Abteilung Dental-Toxikologie an der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontolo­gie der LMU München, gibt Entwarnung. Er betont, dass die jüngsten Studienergebnisse zu Titandioxid auf keinen Fall "auf den Menschen übertragen werden dürfen. Die Ergebnisse gelten nur für Ratten", so Reichl. "Der Mensch zeigt ganz andere Stoffwechselmuster, insbesondere, wenn es um Abbau oder um Ausscheidung von Schadstoffen geht." Grund hierfür seien auch physiologische Unterschiede, etwa, dass Ratten keine Gallenblase haben.

Reichl führt weiter aus, die Ergebnisse seien interessant, die Aufnahme von Titandioxid beim Menschen aber noch nie in Zusammenhang mit Krankheiten auffällig geworden, dies gelte "weder bei Arbeitern in der Titanindustrie - die noch viel mehr Titan aufnehmen - noch bei sonstigen Exponierten." Reichl beschäftigt sich seit mehr  als zehn Jahren mit der Toxizität von Titan, etwa bei Implantatträgern.


Hintergrund: Schon ältere Studien stellten die Unbedenklichkeit von Titandioxid infrage. Bereits 1989 kam eine Untersuchung der Internationalen Agentur für Krebsforschung zu dem Schluss, dass das Inhalieren des Stoffs für Versuchstiere krebserregend ist - für den Menschen aber nicht zwingend abgeleitet werden könne. Eine weitere Studie von 2010 setzte die Wirkung von Titandioxid im menschlichen Körper mit jener von Asbest gleich, wie ein Forscherteam der Universität Lausanne in "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichtete.

In Frankreich hat man inzwischen offenbar auf das Ergebnis der jüngsten Studie reagiert. So meldeten verschiedene Medien übereinstimmend, dass die französische Regierung eine sofortige Untersuchung beauftragt hat, die das Gefährdungspotenzial für den Menschen beschreibt und deren Ergebnisse im März vorliegen sollen.


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