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01.07.14 / 06:30
Medizin

Apoplex durch Vorhofflimmern

Nicht selten ist die Ursache eines Schlaganfalls ein vorher unbemerktes Vorhofflimmern. Ein implantierter Eventrecorder bringt die Episoden an den Tag.



TK

Die langfristige und lückenlose Überwachung von Patienten nach einem Schlaganfall unbekannter Ursache (kryptogener Schlaganfall) liefert in vielen Fällen Hinweise darauf, dass ein Vorhofflimmern verantwortlich für den Apoplex ist, lautet das Ergebnis einer Untersuchung von 441 Patienten, das aktuell im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde.

Durch einen unter die Haut implantierten Eventrecorder konnte im ersten Halbjahr nach dem Schlaganfall bei sechsmal mehr Patienten ein Vorhofflimmern nachgewiesen werden als bei der konventionellen Überwachung mit Standard-EKGs.

Großes Potenzial für die Schlaganfallprävention

„Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass eine relevante Zahl von Patienten mit kryptogenen Schlaganfällen unter Vorhofflimmern leidet oder später entwickelt. Daher sollte bei Patienten mit einem Embolie-verdächtigen Schlaganfallmuster, bei denen die Quelle der Embolie aber nicht gesichert werden kann, die Implantation eines Aufzeichnungsgeräts erwogen werden“, urteilt Prof. Joachim Röther, Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Asklepios Klinik Altona für die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG).

Das große Potenzial für die Schlaganfallprävention bestätigt auch Prof. Martin Grond, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Er weist gleichzeitig darauf hin, dass neue Technologien in Zukunft auch ein nichtinvasives mobiles Langzeit-Monitoring ermöglichen könnten.

Meist liegt embolischer Mechanismus zugrunde

Der ischämische Schlaganfall ist weltweit eine der häufigsten Ursachen für Behinderung und Tod - in bis zu 30 Prozent der Fälle bleibt die Ursache ungeklärt, dann wird er als kryptogener Schlaganfall bezeichnet.

Im Rahmen der klinischen Studie Crystal AF (Cryptogenic Stroke and Underlying Atrial Fibrillation) konnte mit einem implantierbaren Ereignisrekorder (ICM, Insertible Cardiac Monitor) innerhalb eines Jahres bei etwa jedem zehnten Patienten nach solchen Insulten mit a priori unbekannter Ursache Vorhofflimmern nachgewiesen werden.

„Diese Informationen stärken nicht nur unsere Vermutung, dass den meisten dieser Schlaganfälle ein embolischer Mechanismus zugrundeliegt", erklärt Prof. Hans-Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, einer der Autoren der neuen Studie und Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen.

EKG versus Eventrecorder

Gemäß den aktuellen Leitlinien sollte von Patienten nach einem ischämischen Schlaganfall mindestens 24 Stunden lang ein Elektrokardiogramm abgeleitet werden, um ein Vorhofflimmern auszuschließen. Die optimale Dauer und Art der Überwachung ist aber noch nicht bekannt, daher wurde das Standardverfahren mit einem Ereignisrekorder verglichen, der nach dem Zufallsprinzip bei jedem zweiten Teilnehmer mit einem ambulanten Eingriff eingepflanzt wurde.

An der Studie hatten 441 Patienten ab 40 Jahren teilgenommen. Voraussetzung war, dass eine Überwachung per EKG in den ersten 24 Stunden keine Hinweise auf Vorhofflimmern ergeben hatte. Erst danach wurde spätestens 90 Tage nach dem Schlaganfall  der Ereignisrekorder implantiert. Die Auswertung der Ereignisrekorder-Aufzeichnungen wurde sowohl für sechs, als auch für zwölf Monate durchgeführt und mit den Befunden aus der routinemäßigen Überwachung verglichen.

Ein Vorhofflimmern von mindestens 30 Sekunden Dauer fand sich dabei im ersten halben Jahr per Ereignisrekorder bei 8,9 Prozent der Patienten, gegenüber nur 1,4 Prozent in der Kontrollgruppe. Auch im zweiten Halbjahr konnten mit dem ICM zusätzliche Fälle von Vorhofflimmern dokumentiert werden: Die Rate betrug nun über zwölf Monate 12,4 Prozent, gegenüber nur 2,0 Prozent in der Kontrollgruppe.

Dieser Trend setzte sich mit längerer Beobachtungszeit fort. Unter den verbleibenden 48 Patienten, die für die Aufzeichnungen über drei Jahre gewonnen worden waren, wies der ICM ein Vorhofflimmern bei 30 Prozent nach, während es in der Kontrollgruppe lediglich drei Prozent waren.

Erste Episode wird meist nicht bemerkt

„Erstaunlich ist, dass in dieser Studie vier von fünf (79 Prozent) Patienten die jeweils erste Episode des Vorhofflimmerns nicht bemerkt haben“, erläutert Prof. Martin Grond, Chefarzt der Neurologischen Klinik am Kreisklinikum Siegen, der vor Kurzem auf dem Gebiet der Erkennung von kryptogenen Schlaganfällen durch Langzeit-EKG eine Studie durchgeführt hat.
 


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