ck/dpa
26.11.12 / 10:15
Medizin

Bachelor treibt Studenten zum Psychologen

Die neuen Bachelorabschlüsse sollten das Studium eigentlich erleichtern. Stattdessen haben sie es verschult und die Leistungsanforderungen erhöht. Etliche Studenten verzweifeln.



Frank_Homann_Universität_Bonn

Strikte Stundenpläne, Anwesenheitspflicht, Semesterprüfungen und akademischer Abschluss nach sechs Semestern: Der Bachelor sollte den Einstieg ins Studium erleichtern und die Abbrecherzahlen verringern.

Extrem unter Druck

Doch das Gegenteil ist der Fall. "Vor allem am Anfang ihres Studiums stehen viele junge Leute extrem unter Druck", ist die Erfahrung von Sabine Köster, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks (PBS) Karlsruhe. 

Studienabbruch wegen Stress

Gemeinsam mit Hochschulen und Politik soll nach Auswegen gesucht werden. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, kündigte bereits an, einige Fehlentwicklungen korrigieren zu wollen. "Es ist für mich fraglich, ob studienbegleitende Prüfungen wirklich so scharf sein müssen, wie sie zum Teil sind." Die dichte Studienorganisation mit Anwesenheitspflicht und eine hohe Zahl von Prüfungen führe häufig zum Studienabbruch. 

Verängstigt, isoliert und depressiv

Das bestätigen die Beratungsstellen. Vor allem Studienanfänger fühlten sich verängstigt, isoliert und depressiv. Die PBS beriet im vergangenen Jahr etwa 1.000 Studenten, darunter viele Erstsemester.  Die Gründe für Stress sind vielfältig. "Viele kamen ganz gut durch die Schule und fühlen sich den Herausforderungen während des Studiums mit einem Mal nicht mehr gewachsen", sagt Köster.

Mit der Einführung der Bachelor-Studiengänge ist der Druck auf die Studenten ihrer Ansicht nach stark angestiegen, nicht zuletzt, weil die Gesellschaft großen Wert auf Bildung und Leistung legt. "Eine lückenhafte Bildungsbiografie wird oft als Makel empfunden." 

Beratungsstellen sind überlastet

Die Beratungsstellen sind schon seit Jahren selbst an ihrer Belastungsgrenze. Oft bleibt den Beratern nichts anderes übrig, als den verzweifelten Studenten zum Abbruch des Studiums und einer beruflichen Neuorientierung zu raten. Köster weiß, dass solche Entscheidungen sich auch wirtschaftlich auswirken, kommen etliche Abbrecher doch in staatliche Maßnahmen, um wieder auf die Erfolgsspur gebracht zu werden. 

Eine bessere Berufsberatung für angehende Akademiker zählt deshalb zu den Hauptforderungen der Experten. "Frühzeitig informieren", rät auch Studienberaterin Karin Schmurr vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Studierende sollten sich zunächst einmal in Praktika ein Bild vom späteren Beruf machen, um dann konsequent auf ein Ziel hinzuarbeiten. So könnte auch der Frust zum Studienbeginn besser bewältigt werden, der gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern besonders hoch ist. 

Mehr Gelassenheit

Und wenn der Stoff in sechs Semestern kaum zu bewältigen ist? "Dann kann auch einmal eine Prüfung geschoben werden", rät Schmurr. Ein Bachelor könne auch in acht Semestern abgelegt werden, die Noten seien dann oft sogar besser. In dieses Horn stößt auch Ulrich Ebner-Priemer vom KIT-Institut für angewandte Psychologie. Er bietet seit einigen Jahren Seminare zur Stressbewältigung an. 

Neben praktischen Tipps zur Planung des Studienalltags rät er vor allem zu mehr Gelassenheit. Viele Studenten täten sich überaus schwer, in der Tretmühle der Leistungsgesellschaft die richtige Balance zu finden.

Das Leben in Schieflage

Ebner-Priemer macht dies mit dem Bild einer Wippe anschaulich: Auf der einen Seite liegt die ganze Leistung, auf der anderen die für die persönliche Entwicklung wichtigen Faktoren wie Beziehungen, Freizeit und Freiheit. "Wenn auf diese Wippe zu viel Leistung gepackt wird, gerät das Leben in Schieflage." 

Sein Rat: Gerade zum Beginn ihrer akademischen Laufbahn sollten die Studierenden genügend Zeit in die Pflege ihrer sozialen Kontakte, Hobbys und Beziehungsbildung investieren. Vor allem die Absolventen des achtjährigen Gymnasiums hätten wegen des dichten Stundenplans die Fähigkeit zum Entspannen verloren. 

Die Furcht der Studenten vor einer Lücke im Lebenslauf hält der Psychologe für unbegründet. Viele Firmen hielten heute bereits gezielt nach Bewerbern Ausschau, die mehr als gute Noten zu bieten hätten. Gefragt sei eine gewisse Lebenserfahrung durch Reisen ins Ausland oder durch Engagement in Vereinen und Verbänden.



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