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19.01.16 / 11:39
Medizin

"DMP sind keine Kochbuchmedizin!“

Als Ulla Schmidt mit dem Gesetz zur Reform des Risikostrukturausgleichs 2001 die Disease-Management-Programme (DMP) in der gesetzlichen Krankenversicherung einführte, waren die Ärzte dagegen. Heute spricht sich KBV-Chef Dr. Andreas Gassen sogar für eine Erweiterung der Chroniker-Programme aus. Warum, erklärt er hier.



Aufwandsärmer, bundeseinheitlich, Transparenz erzeugend - KBV-Chef Dr. Andreas Gassen fallen zu den DMP viele positive Attribute ein. Als die Programme 2001 per Gesetz eingeführt wurden, stellte sich die KBV noch vehement dagegen. KBV

Wie wird die Qualität der DMP gesichert?

Dr. Andreas Gassen: Die KBV befürwortet eine Erweiterung der DMP und hat im Gemeinsamen Bundesausschuss Anträge für neue Programme zu Rheuma und Herzinsuffizienz gestellt. In den DMP werden die Qualitätsindikatoren auf der Basis eines definierten Behandlungspfades definiert, anders als bei  den derzeit vom IQTiG unterstützten Verfahren der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung.

Hat Ulla Schmidt im Nachhinein doch Recht gehabt mit der Einführung von DMP 2001, die ja damals von Seiten der Ärzteschaft kritisch betrachtet wurden?

Trotz anfänglicher Skepsis haben sich KVen und KBV seit Einführung der DMP an deren sinnvoller Ausgestaltung auf allen Ebenen engagiert. Eine klare KBV-Position für diese Programme und ihre Weiterentwicklung haben wir bereits im Jahr 2011 veröffentlicht: DMP bieten einen bundesweit einheitlichen und flächendeckend etablierten Rahmen für die strukturierte Versorgung von chronisch Kranken.

Eine verstärkte Beachtung von Multimorbidität und von Patienten mit besonders hohem Behandlungsbedarf, die ein individuelles Fallmanagement benötigen, könnten die Versorgungsprogramme weiter verbessern. Wir regen daher eine Weiterentwicklung von DMP in diese Richtung an.

Was entgegnen Sie Kritikern, die den Programmen "Listenmedizin" und "Einschränkung der ärztlichen Therapiefreiheit" vorwerfen?

Die DMP sind nicht als „Kochbuch-“ oder „Listenmedizin“ zu verstehen, schließlich heißt es in der DMP-Richtlinie: „Soweit die Regelungen dieser Richtlinie Inhalte der ärztlichen Therapie betreffen, schränken sie den zur Erfüllung des ärztlichen Behandlungsauftrags im Einzelfall erforderlichen ärztlichen Behandlungsspielraum nicht ein.“ Die Notwendigkeit der Berücksichtigung der individuellen Situation und die jeweils erforderliche ärztliche Entscheidung werden in den DMP-Richtlinien immer wieder ausdrücklich betont.

Worin liegen aus Sicht der KBV die Erfolge der bisherigen DMP für die Patienten?

DMP unterstützen die Behandlung von chronisch kranken Patienten in mehrfacher Hinsicht. Vergleichsstudien weisen immer wieder auf einen patientenrelevanten Nutzen hin, zudem erleichtern DMP die Umsetzung evidenzbasierter Leitlinien nachweislich.

Ein Erfolg sind sicherlich auch die hochwertigen, ärztlich geleiteten Patientenschulungen innerhalb dieser Programme. Die Einschreibungsprozeduren sind bundeseinheitlich und die auch die einheitliche elektronische Dokumentation ist wesentlich aufwandsärmer als zahlreiche unterschiedliche selektivvertragliche Regelungen. Nicht zuletzt dienen DMP auch dazu, Transparenz zu Prozess- und Ergebnisqualität bei der Versorgung der großen Volkskrankheiten zu erzeugen.

Disease-Management-Programme (DMP) sind strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch kranke Menschen basierend auf den Erkenntnissen der evidenzbasierten Medizin.


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