ck/pm
10.10.13 / 08:42
Medizin

Das Auge ist größer als der Mund

Menschen essen oft zu viel, weil sie die Portionsgrößen unterschätzen. Warum das so ist, erforschte jetzt ein Team aus internationalen Wissenschaftlern.



Das ist doch nur ein bisschen Salat, oder? Forscher haben jetzt herausgefunden, warum wir beim Essen die Größe der Portionen oft falsch einschätzen. DAK Gesundheit

"Menschen, die gesund essen wollen, achten sehr darauf, was sie essen, aber nicht genug darauf, wie viel sie essen. Dies ist ein Problem, da die Portionsgrößen in Restaurants in den letzten 15 Jahren enorm gestiegen sind“, sagte  Yann Cornil,  Doktorand der Business School Insead in Frankreich, die die Studie zusammen mit dem Center for Economics and Neuroscience, dem Life & Brain Zentrum und dem Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) der Universität Bonn sowie der Rotterdam School of Management in den Niederlanden vorlegte.

Das internationale Team führte drei verschiedene Experimente mit Probanden unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Gesundheitseinstellung durch. An einem Online-Experiment nahmen insgesamt 84 Grundschüler teil. Sie erhielten Fotos, auf denen Teller mit Schokoladenstückchen und kleinen Karotten abgebildet waren, deren Anzahl ihnen mitgeteilt wurde. Die nächsten Bilder zeigten dann zunehmende Mengen, die die Kinder schätzen sollten.

Je größer die Portion, desto falscher das Urteil

„Je größer die Rationen wurden, desto mehr unterschätzten die Grundschüler die Schokoladen- und Karottenmengen“, berichtet Prof. Dr. Bernd Weber vom Life & Brain Zentrum der Universität Bonn. Häufig empfanden die Kinder die Portionen nur halb so groß, wie sie wirklich waren.

Kommt es bei Erwachsenen zu ähnlichen Fehleinschätzungen? Die französischen Forscher um Prof. Dr. Pierre Chandon legten 115 jungen Erwachsenen Packungen mit Gummibärchen vor, deren Gewicht sie schätzen sollten. Diese waren teils als ungesunde Variante deklariert und zum anderen Teil als Nahrungsmittel mit wertvollen Omega-3-Fettsäuren und Vitaminen.

Probieren geht über Studieren

Das Verlangen nach den beiden Arten von Gummibärchen steigerten die Forscher bei einem Teil der Probanden, indem diese vorher probieren durften. Die Testpersonen, die vorher kosten durften und die „ungesunden“ Gummibärchen bekamen, schätzten die Portionsgrößen am genauesten ein.

Können Menschen, die auf ihre Gesundheit achten, Portionsgrößen besser einschätzen? Dies testeten die Forscher um Prof. Dr. Nailya Ordabayeva, indem sie aus einem Fitnessstudio in Rotterdam 116 Männer und Frauen zunächst zu ihrem Gesundheitsbewusstsein befragten.

Dann wurden wiederum Fotos mit unterschiedlichen Mengen Chips präsentiert, die entweder als fettreduziert oder als normal ausgewiesen waren. Hier schätzten die Probanden am besten die Portionsgrößen, die sich selbst als gesundheitsbewusst einstuften und es mit der ungesunden Normal-Chips-Variante zu tun hatten.

„Die Nahrungsmenge kann offensichtlich dann besonders gut eingeschätzt werden, wenn Probanden das Angebotene verlockend finden und gleichzeitig wissen, dass es ungesund ist“, sagt Ordabayeva. Diese Ergebnisse seien wichtig für Ernährungskampagnen.

Das Gehirn macht uns etwas vor

„In früheren Studien konnten wir zeigen, dass unser Gehirn sehr schlecht darin ist, Veränderungen von Portionsgrößen zu unterscheiden. Im Durchschnitt schätzen wir eine Größenveränderung von 100 Prozent nur als 50 bis 70 Prozent größer ein. In dieser Studie konnten wir zeigen, wieso manche Menschen dies besser können als andere“, sagt Chandon.

Abschreckung allein funktioniert nicht

Die derzeitige Strategie, durch Hinweise auf die Folgen ungesunder Ernährung einseitig auf Abschreckung zu setzen, funktioniere nach den jetzt vorliegenden Resultaten nicht, sagt Weber. Es sollten bei Ernährungstipps nicht nur die negativen Folgen zu süßer und zu fetthaltiger Lebensmittel hervorgehoben werden, sondern auch das positive Gefühl, wenn gesunde Lebensmittel schmecken. Diese Doppelstrategie führe absehbar zu einem genaueren Abschätzen des tatsächlichen Bedarfs. Weitere Forschung zum Thema sei aber erforderlich.

The Acuity of Vice: Attitude Ambivalence Improves Visual Sensitivity to Increasing Portion Sizes, “Journal of Consumer Psychology”, DOI: 10.1016/j.jcps.2013.09.007


Mehr zum Thema