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26.05.15 / 12:52
Medizin

"Die Expertise kommt zum Patienten, nicht umgekehrt"

Wenn Arzt und Patient oder Arzt und Facharzt räumlich getrennt sind, spricht man von Telemedizin. Wann und wie diese Verfahren Sinn machen, haben wir Dr. med. Franz-Joseph Bartmann von der Bundesärztekammer gefragt.




1. Auf regionaler Ebene gibt es eine Vielzahl von Modellvorhaben und -projekten. Warum hat es die Telemedizin bisher nicht in die Regelversorgung geschafft?

Dr. Franz-Joseph Bartmann: Wir beobachten in der Tat eine ganze Reihe von Projekten, in denen Patienten telemedizinisch versorgt werden - in Deutschland sind das vermutlich zwischen 200 und 300. Meistens werden diese über Landes- oder Bundesfördermittel finanziert.

Umgekehrt kann man aber nicht sagen, dass Telemedizin in der Regelversorgung überhaupt keine Rolle spielt: Alleine in Bayern werden pro Jahr viele Tausend Schlaganfall-Patienten telemedizinisch mitversorgt und das wird von den Krankenkassen regelhaft erstattet! Und auch die teleradiologische Erst- oder Zweitbefundung von Röntgenbildern wird in Deutschland regelhaft eingesetzt.

Schwieriger ist die Situation im vertragsärztlichen Bereich - hier ist die telemedizinische Patientenversorgung noch kaum in die Regelvergütung vorgedrungen. Die Gründe sind vielfältig und teilweise systembedingt, da diese modernen Versorgungsmethoden nicht so einfach in den bestehenden Vergütungssystemen abzubilden sind.

2. Wo macht Telemedizin aus ärztlicher und Patientensicht Sinn - und wo nicht?

Damit hat sich der gerade zu Ende gegangene 118. Deutsche Ärztetag in Frankfurt auseinandergesetzt. Diese Methoden entwickeln sich sehr rasch weiter und es ist für uns Ärzte sehr wichtig, gegenüber anderen interessengeleiteten Akteuren klar zu artikulieren, was wir für sinnvoll halten und was nicht. Der Ärztetag hat einem Positionspapier dazu mit großer Mehrheit zugestimmt. Darin werden telemedizinische Methoden benannt, die zu einer Qualitätssteigerung der Versorgung beitragen können - insbesondere durch eine verbesserte innerärztliche Kommunikation.

Auch die erhöhte Versorgungsgerechtigkeit ist ein wesentliches Ziel von Telemedizin. Denn telemedizinische Methoden können ärztliche Expertise unabhängig vom Aufenthaltsort des Patienten verfügbar machen - die Expertise kommt also zum Patienten - und nicht umgekehrt, wie wir dies in der klassischen Patientenversorgung sehen. Zudem können telemedizinische Verfahren Versorgungslücken beseitigen oder mit dazu beitragen, dass diese gar nicht erst entstehen.

Im Gegensatz dazu haben rein technisch getriebenen Ideen, bei denen wir kein klares medizinisches Versorgungsziel erkennen können,in der Patientenversorgung nichts verloren.

3. Welche Voraussetzungen müssen dabei erfüllt sein?

Auch dazu hat sich der Deutsche Ärztetag festgelegt - bereits vor 5 Jahren: Damals wurde eine Liste von Voraussetzungen für eine gute telemedizinische Versorgung unserer Patienten zusammengestellt, die in dieser Form unverändert Gültigkeit hat. Ein wichtiger Punkt - neben der zwingend zu regelnden Finanzierung für Vertragsärzte - ist hier, dass wir eine sichere und einfach zu nutzende Infrastruktur brauchen. Hier besteht immer noch Nachholbedarf, damit die derzeit aufgebaute Telematikinfrastruktur endlich auch für die Patientenversorgung genutzt werden kann und nicht nur zum Austausch von Verwaltungsdaten.

Die Fragen stellte Claudia Kluckhuhn.


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