sp/pm
09.06.15 / 10:37
Medizin

Doktortitel für 102-Jährige

Mit 102 Jahren erhält heute eine Berliner Ärztin ihre Promotionsurkunde am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Aber ihr Doktortitel hat eine traurige Geschichte: Die Nazis verwehrten ihr damals die Prüfung.



Die Nazis hatten ihr verboten, zu promovieren. Mit 102 Jahren erhält Ingeborg Syllm-Rapoport nun ihren Doktor in Medizin. picture_alliance

77 Jahre nach ihrer schriftlichen Promotion erhält  heute die  Berliner Kinderärztin ihren Doktortitel. Die heute 102 Jahre alte Ingeborg Syllm-Rapoport war im Jahr 1938 in Hamburg nicht zur mündlichen Prüfung zugelassen worden, weil ihre Mutter, die Pianistin Maria Syllm, Jüdin war. Damit fiel die damals 25 Jahre alte Doktorandin unter die "Rassengesetze" der Nazis.  

Syllm-Rapoport hatte als Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus Hamburg gearbeitet und in der Zeit ihre Doktorarbeit zum Thema Diphtherie geschrieben. Ihr Doktorvater Rudolf Degkwitz  bescheinigte ihr 1938, "dass diese Arbeit von mir als Doktorarbeit angenommen worden wäre, wenn nicht die geltenden Gesetze wegen der Abstammung des Frl. Syllm die Zulassung zur Promotion unmöglich machten".  

Syllm-Rapoport emigrierte in die USA und setzte dort ihre Karriere als Kinderärztin fort. In Amerika lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, den Mediziner und Biochemiker Samuel Mitja Rapoport (1912 bis 2004). Beide engagierten sich in der Kommunistischen Partei, was sie Anfang der 1950er Jahre in den USA in Schwierigkeiten brachte. Sie gingen schließlich nach Ost-Berlin. Syllm-Rapoport wurde eine hochdekorierte Professorin für Neugeborenenheilkunde an der Charité. 

Als der Dekan der Medizinischen Fakultät am UKE, Prof. Uwe Koch-Gromus, von ihrem Schicksal erfuhr, leitete er eine nachträgliche mündliche Prüfung in die Wege. Diese bestand die 102-Jährige im Mai mit Brillanz, wie er anschließend sagte. N

Die Prüfer seien "sehr nett und tolerant und wohl auch zufrieden" mit ihr gewesen, sagte Syllm-Rapoport nach der Prüfung dem Berliner Tagesspiegel. In der Dissertation ging es um Lähmungen durch die Krankheit Diphterie. Der Wissensstand hierzu habe sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich weiterentwickelt, berichtete Rapoport der Zeitung.

Bei einer Feierstunde heute Juni soll sie nun ihre Promotionsurkunde überreicht bekommen. Dann darf sie sich "Prof. Dr. Dr." nennen. Sie ist der vermutlich älteste Mensch, der in hohem Alter eine Doktorarbeit abgeschlossen hat. Sie dürfte die älteste Doktorandin der Welt sein.


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