Sonja Schultz
02.04.15 / 09:33
Medizin

Hirnschaden als Heilmethode

Heute löst der Begriff Lobotomie ein Schaudern aus. Das war nicht immer so. Zwei Jahrzehnte lang galt Dr. Walter Freeman als Star der psychiatrischen Chirurgie.




Manche Ärzte werden für ihre Errungenschaften berühmt. Namen wie Rudolf Virchow, Alexander Fleming oder Robert Koch zählen auf ewig zur „Hall of Fame“ der Heilkunst. Andere stehen für die Irrwege der Medizingeschichte. Nach ihnen wird niemals ein Institut benannt. Solch ein Fall ist Dr. Walter J. Freeman.

Der US-amerikanische Psychiater, Sprössling einer renommierten Medizinerfamilie, wurde in den 1940er Jahren zum prominentesten Verfechter der Lobotomie. Zwischen 1936 und 1967 unterzog er bis zu 3.500 Menschen einer Radikalmethode, die aus Freemans Sicht die Probleme der Psychiatrie gründlich lösen sollte: schnell, billig, einfach.

Der Mann mit dem Eispickel 

Tatsächlich sahen viele in dem Arzt mit den runden Brillengläsern und dem markanten Kinnbart zunächst einen ersehnten Wunderheiler. Die psychiatrische Chirurgie erhielt weltweit Einzug in den Mainstream der medizinischen Praxis. Und für eine gewisse Zeit war Freeman, der teilweise mit einem handelsüblichen Eispickel operierte und in seinem „Lobomobil“ durchs Land tourte, einer der bekanntesten Ärzte der USA. Erst später wurde aus dem Ruhm Entsetzen.

„Lobotomie bringt sie nach Hause“ - mit diesem Slogan warb der begnadete Selbstdarsteller Freeman für eine chirurgische Technik, die aus Psychiatriepatienten ohne Heilungschancen wieder funktionierende Mitglieder der Gesellschaft machen sollte. Die Methode entstand auch aus der Verzweiflung heraus. Die staatlichen Psychiatrie-Einrichtungen der 1920er und 30er Jahre waren meist reine Verwahrungsanstalten für Menschen mit Geisteserkrankungen.

Moderne Neuroleptika und Antidepressiva standen noch nicht zur Verfügung. Die Ausstattung der Häuser war katastrophal, das schlecht bezahlte Personal heillos überfordert. Vernachlässigung und Gewalt prägten den Krankenhausalltag.

Bilder aus den Kliniken schockieren

1946 schockte eine Reportage mit dem Titel „Bedlam“ (Tollhaus) die US-amerikanische Öffentlichkeit. Der Bericht aus dem Magazin „Life“ zeigte nackt auf dem Boden gekrümmte Gestalten und apathische, unterernährte Patienten zweier Staatskrankenhäuser. Die Psychiatriekrise war ein flächendeckendes Problem: Der Artikel spricht von „400.000 unschuldigen Patienten-Gefangenen aus über 180 staatlichen psychiatrischen Kliniken“. Ähnliche Zustände fand Walter Freeman vor, als er als 29-Jähriger die Leitung des St. Elisabeth Krankenhauses in Washington übernahm.

Zur Behandlung der menschlichen Psyche wurden damals Praktiken angewendet, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite erlebte die Psychoanalyse nach Sigmund Freud eine Blüte. Hier stand die Enträtselung der Seele im analytischen Gespräch im Vordergrund.

Auf der anderen experimentierte man bei der Behandlung von Schizophrenie und Depression mit Brachialtherapien durch Elektro-Konvulsion, Insulin- oder Pentetrazol-Schock. Die starke Reizkonfrontation zeigte bei manchen Krankheitsbildern durchaus Wirkung. So wird die Elektrokrampftherapie bis heute bei schweren, therapieresistenten Erkrankungen eingesetzt. Die Bundesärztekammer bewertet die Methode positiv.

Verheerende Experimente am Patienten

In den 1930er Jahren jedoch steckte die Schockpraxis noch in der Experimentierphase, die Sicherheitsbestimmungen und technischen Gegebenheiten waren schlecht. Immer wieder kamen Patienten durch motorische Krämpfe zu Schaden, bis hin zu Knochenbrüchen. Die Insulin-Koma-Therapie hinterließ teils irreversible Zerstörungen in Geist und Erinnerung und führte sogar zum Tod von Patienten. Dennoch war mit den rabiaten Anwendungen die Hoffnung verbunden, gegen das Elend der psychiatrischen Einrichtungen zumindest irgendein Konzept zur Hand zu haben - sei es auch noch so gefährlich und ethisch fragwürdig.

An einer weiteren Extremmethode forschte der portugiesische Neurologe Egas Moniz - auch er ein Anti-Freudianer. Moniz begann 1935, an psychisch Kranken Hirnoperationen vorzunehmen, um sie angeblich von Wahnvorstellungen zu befreien. Moniz taufte sein Verfahren Leukotomie: von „leukos“ (weiß) und „tome“ (Schnitt/schneiden), dem Eingriff in die weiße Substanz des Gehirns.


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