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28.04.14 / 12:00
Medizin

Nicht alles auf Zucker

Diabetes muss das Schicksal nicht besiegeln. Von nichts kommt natürlich nichts. Was Betroffene selber tun können, erklärt die Diabetesexpertin Miriam Goos.



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Die Zahl der Patienten mit Typ-2-Diabetes steigt. Wer ist gefährdet?

Goos: Gefährdet sind vor allem Menschen mit Übergewicht oder wenn ein Verwandter ersten Grades bereits an einem Typ-2-Diabetes erkrankt ist. Bei Frauen kann ein Schwangerschaftsdiabetes als Zeichen eines erhöhten Risikoprofils gesehen werden. Menschen mit Bluthochdruck oder einer bestimmten Form der Fettstoffwechselstörung erkranken ebenfalls häufiger. Bei ihnen ist das HDL-Cholesterin zu niedrig und die Triglyzeride im Blut zeigen überhöhte Werte.

Ein zusätzliches Risiko besteht, wenn frühere Untersuchungen bereits einen grenzwertig erhöhten Nüchternblutzucker oder zu hohe Blutzuckerwerte nach dem Essen ergeben haben. Im letzteren Fall spricht man von einer gestörten Glukosetoleranz, die als Vorstufe des Typ-2-Diabetes gilt. 

Welche Rolle spielt der Lebensstil für die Entstehung von Diabetes?

Der Lebensstil hat einen sehr großen Einfluss. Jeder kann sofort damit anfangen, etwas für sich zu tun und einer Diabeteserkrankung vorzubeugen: Mit einfachen, aber sehr wirkungsvollen Maßnahmen lässt sich bereits sehr viel erreichen. Dabei spielen in erster Linie die richtige Ernährung und Bewegung eine große Rolle.

Lassen sich die Entstehung und der Verlauf der Stoffwechselerkrankung durch körperliche Aktivität beeinflussen?

Mangelnde körperliche Aktivität ist ein Problem, das bisher deutlich unterschätzt wurde. Durch die richtige Form der körperlichen Bewegung können wir einen großen Einfluss auf den Erkrankungsverlauf nehmen. Dies ist der Schlüssel für eine gute Zuckerverwertung und auch die Fette und der Blutdruck verbessern sich. Wer zum Beispiel an mindestens fünf Tagen pro Woche 30 Minuten spazieren geht - zügiges Schritttempo-, fördert bereits gezielt seine Gesundheit.

Viele Diabetiker bringen zuviel Gewicht auf die Waage - inwiefern lässt sich die Stoffwechselsituation durch eine Gewichtsreduzierung verbessern?

Das Hormon Insulin bewirkt im Normalfall, dass die Zellen der Organe, die Energie benötigen, Zucker aus dem Blut aufnehmen. Dadurch sinkt der Blutzuckerspiegel und der Zuckerstoffwechsel ist im Gleichgewicht. Beim Diabetes sprechen aufgrund der Insulinresistenz die Zellen auf Insulin nicht mehr richtig an. Deshalb wird weniger Zucker in die Zellen geschleust und der Blutzuckerspiegel steigt. Besonders bauchbetontes Übergewicht schüttet Hormone aus, welche die Insulinempfindlichkeit der Zellen beeinflussen.

Die Diagnose „Diabetes“ ist häufig ein Zufallsbefund. Wie macht sich die Erkrankung bemerkbar und was geschieht, wenn sie unerkannt bleibt?

Beim Typ-2-Diabetes klettert der Blutzuckerspiegel - meist im mittleren und höheren Lebensalter - langsam und schleichend in die Höhe. Dies geschieht oftmals ohne, dass sich die Betroffenen zunächst beeinträchtigt oder krank fühlen. Häufig treten unspezifische Symptome auf, wie zum Beispiel allgemeine Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Leistungsminderung. Wenn die ersten Anzeichen unerkannt bleiben, können auch immer wiederkehrende Harnwegsinfekte oder schlecht verheilende Wunden mögliche Vorboten oder Begleitphänomene eines erhöhten Blutzuckerspiegels sein. 

Neuere Untersuchungen legen einen Zusammenhang zwischen Magnesiummangel und der Entstehung von Diabetes nahe. Warum ist der Mineralstoff so wichtig? Worauf sollte man bei der Versorgung achten?

Zwei der größten epidemiologischen Studien mit insgesamt etwa 130.000 Teilnehmern kamen zu dem Ergebnis, dass Menschen, die sich magnesiumarm ernähren, deutlich öfter an Diabetes erkranken. Hat sich erst einmal ein Diabetes entwickelt, schwinden die Magnesiumvorräte des Körpers immer schneller, da bei Diabetikern mehr Magnesium als gewöhnlich über die Nieren ausgeschwemmt wird.

Nur ein adäquater Magnesiumspiegel im Blut ermöglicht es der Bauchspeicheldrüse, genügend Insulin auszuschütten. Ohne Magnesium kann die Bauchspeicheldrüse also nur eingeschränkt arbeiten. Daher ist eine ausreichende Versorgung mit diesem Mineral für Diabetiker besonders wichtig.

Spezielle Diabetikerprodukte gibt es heute kaum noch. Wie sollte eine der Krankheit angemessene Ernährung aussehen?

Gut für Diabetiker ist eine ausgewogene, ballaststoffreiche Kost mit nicht zu vielen Kalorien, einem mäßigen Fettgehalt und ausreichend Vitaminen und Spurenelementen. Der Nährwert der Nahrungsmittel sollte in den Mittelpunkt gestellt werden - gefragt ist Qualität statt Menge.

Lebensmittel, die einen hohen Magnesiumgehalt aufweisen, wie zum Beispiel biologisch angebaute grüne Blattgemüse, frische Erbsen, Algen, Amaranth, Quinoa, Kürbiskerne, Sonnenblumenkerne oder Mandeln sind sehr gute Nahrungsmittel für Diabetiker. Eine zusätzliche Zufuhr von 300 bis 400 Milligramm pro Tag in Form eines Magnesium-Präparates aus der Apotheke, wie beispielsweise Magnesium-Diasporal kann die Ernährung hier sinnvoll ergänzen. 

Mit welchen Folgeerkrankungen müssen Diabetiker rechnen?

Die Folgekrankheiten bei Diabetes sind meistens das Ergebnis von Schäden der kleinen und großen Arterien und der Nerven. Der Herzinfarkt ist eine der häufigsten Todesursachen von Menschen mit Diabetes, denn hohe Zuckerwerte fördern Arteriosklerose. Daher haben Diabetiker auch eine erhöhte Gefahr, einen Schlaganfall des Gehirns zu erleiden.

Weiterhin treten häufig Netzhautschäden am Auge auf, da die erhöhten Blutzuckerwerte die Gefäße der Netzhaut in den Augen schädigen. Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Brennen in den Füßen sind oft erste Anzeichen eines diabetesbedingten Nervenschadens.

Wie lässt sich der Verlauf der Erkrankung bremsen und zum Beispiel diabetischen Nervenschädigungen vorbeugen?

Der Blutzuckerspiegel sollte optimal eingestellt sein, wozu eine regelmäßige Kontrolle beiträgt. Erhöhte Blutzucker- und niedrige Magnesiumwerte erhöhen die Entzündungsparameter im Körper. Wenn Sie unter Diabetes leiden, sollten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige angemessene Bewegung achten, welche die Durchblutung in allen Gefäßen fördert und somit die Versorgung des Gewebes verbessert. Der Magnesiumspiegel sollte dafür im hochnormalen Bereich liegen.

Welche Möglichkeiten haben Diabetiker, um ihre Lebensqualität generell zu verbessern?

Die Lebensqualität wird von vielen Diabetikern als eingeschränkt wahrgenommen. Mehr als jeder zehnte Diabetiker leidet sogar an einer behandlungsbedürftigen Depression. Weitere 20 Prozent an einer depressiven Stimmungsstörung wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Traurigkeit.

Wichtig ist, weiterhin aktiv am Leben teilzunehmen und trotzdem auf einen gesundheitsfördernden Lebensstil zu achten. Das bedeutet beispielsweise: Freunde und Familie, die man gern hat, zu treffen, regelmäßige Verabredungen zum Spazierengehen an der frischen Luft wahrzunehmen oder gemeinsam in der Gruppe mit Nahrungsmitteln zu kochen, die hochwertige Nährstoffe enthalten.

Miriam Goos ist Neurologin in München mit den Schwerpunkten: Erkrankungen des Nervensystems, neurologische Folgeerkrankungen bei Diabetes, Stoffwechselstörungen und Stress.


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