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08.03.13 / 11:06
Medizin

Salz begünstigt Autoimmunerkrankungen

Erhöhter Salzkonsum kann zu einem massiven Anstieg einer Gruppe aggressiver Zellen führen, die an der Auslösung von Autoimmunerkrankungen beteiligt sind. Das hat jetzt eine internationale Studie gezeigt.



These der Wissenschaftler: Der hohe Anteil Salzanteil in industriellen Nahrungsmitteln könnte das Auftreten von Autoimmunkrankheiten begünstigen. Fotolia.com / rsester

Bei Autoimmunerkrankungen attackiert das Immunsystem den eigenen Körper, statt Erreger zu bekämpfen. Hintergrund: In der westlichen Welt nehmen Autoimmunerkrankungen immer mehr zu. Das haben Forscher in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet.

Da dieser Anstieg nicht allein über erbliche Faktoren erklärbar ist, vermuten Wissenschaftler der Universitäten Yale, Havard,  Erlangen-Nürnberg, des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin und der Charité, Berlin, dass die starke Zunahme dieser Krankheiten mit Umweltfaktoren zusammenhängt. Im Verdacht stehen unter anderen Veränderungen im Lebensstil und den Ernährungsgewohnheiten in Industrieländern.

Diese Nahrungsmittel können erheblich mehr Kochsalz als selbstgekochte Mahlzeiten enthalten. Einen ersten Hinweis darauf, dass zu viel Salzkonsum möglicherweise einer der Umweltfaktoren sein könnte, der tatsächlich den Anstieg von Autoimmunerkrankungen befördern kann, liefert jetzt diese Studie.

Vor einigen Jahren hatte Jens Titze gezeigt, dass Kochsalz (Natriumchlorid) die Fresszellen (Makrophagen) des Immunsystems beeinflusst. Unabhängig davon konnten Markus Kleinewietfeld und David Hafler im Menschen Veränderungen von CD4-positiven T-Helferzellen (Th) beobachten, welche im Zusammenhang mit bestimmten Ernährungsgewohnheiten standen.

Helferzellen werden von Botenstoffen (Zytokinen) anderer Zellen des Immunsystems alarmiert, wenn Gefahr im Verzuge ist. Sie aktivieren und „helfen“ dann weiteren Effektorzellen, damit diese den oder die Gegner des Körpers ausschalten. Zu dieser Gruppe gehören auch die T-Helferzellen, die Interleukin 17 produzieren und deshalb kurz Th17 heißen. Es zeigte sich, dass die Th17-Immunzellen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen spielen.

Salz erhöht Anzahl aggressiver Immunzellen dramatisch

Jetzt konnte die Forschergruppe in Zellkulturversuchen zeigen, dass Kochsalz in einem Zytokin-Milieu zu einem drastischen Anstieg der Th17-Zellen führt. „Dieser Anstieg kann im Beisein von erhöhten Salzkonzentrationen um das zehnfache höher sein als unter normalen Bedingungen“, erläutern Markus Kleinewietfeld und Dominik Müller.

Die gesteigerte Aufnahme salzhaltiger Nahrung führte in Untersuchungen bei Mäusen zu einem schwereren Verlauf der sogenannten experimentellen autoimmunen Encephalomyelitis, einem Modell für die Multiple Sklerose.

Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das eigene Immunsystem die isolierende Schutzhülle (Myelinschicht) von Nervenzellfortsätzen zerstört und damit die Weiterleitung von Signalen verhindert, was zu vielfältigen neurologischen Ausfällen und bleibenden Behinderungen führen kann. Seit kurzem vermuten Forscher, dass insbesondere autoreaktive, also den eigenen Körper angreifende Th17-Zellen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Multipler Sklerose spielen.

Jetzt soll der Einfluss von Salz auf Schuppenflechte erforscht werden

Interessanterweise, so die Forscher weiter, hatte sich die Zahl von entzündungsfördernden Th17-Zellen im Nervensystem der Mäuse unter einer Hochsalzdiät stark erhöht. Die Forscher konnten zeigen, dass die stark salzhaltige Diät die Entwicklung von Helferzellen zu Th17-Zellen deutlich steigert. Eine genauere Untersuchung dieses Effektes in Zellkulturversuchen ergab, dass die erhöhte Auslösung von aggressiven Th17-Zellen durch Kochsalz auf molekularer Ebene reguliert ist.

"Diese Erkenntnisse liefern einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Multiplen Sklerose und bringen möglicherweise neue Ansatzpunkte für eine bessere Behandlung der bisher unheilbaren Erkrankung“, so Ralf Linker, der als Leiter der Neuroimmunologischen Ambulanz der Universitätsklinik Erlangen versucht, neue Erkenntnisse aus dem Labor für Patienten nutzbar zu machen.

Neben der Multiplen Sklerose wollen Dominik Müller und seine Kollegen als nächstes eine weitere Autoimmunkrankheit - die Schuppenflechte (Psoriasis) - erforschen, bei der Th17-Zellen auch eine große Rolle spielen. Die Haut, so hatte Jens Titze vor kurzem herausgefunden, dient auch als Salzspeicher und beeinflusst das Immunsystem.

"Interessant wäre zu wissen, ob sich bei Patienten mit Schuppenflechte die Symptome bessern, wenn sie weniger Salz zu sich nehmen“, fragen sich die Forscher. "Allerdings ist die Entstehung von Autoimmunerkrankungen ein sehr komplexer Vorgang welcher von zahlreichen erblichen Faktoren und Umweltfaktoren abhängt“, so der Immunologe Markus Kleinewietfeld. "Daher können nur weitere Studien unter weniger extremen Bedingungen zeigen, welchen Beitrag ein erhöhter Salzkonsum tatsächlich bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen hat.“

Die Studie wurde veröffentlicht im Wissenschaftsmagazin Nature .


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