ck/dpa
21.10.13 / 15:49
Medizin

Stress ist das Thema

In Hamburg waren psychische Krankheiten 2012 erstmals Hauptursache für Fehltage im Job - noch vor Rückenschmerzen oder Erkältungen. Der Direktor des Hamburger Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Prof. Volker Harth, im Interview.



Die Arbeitsmedizin kreist mehr und mehr um Stress im Job - und wie man ihn mindert. Tüv Süd

Die Zahl psychischer Erkrankungen nimmt seit Jahren zu, in Hamburg waren sie im vergangenen Jahr erstmals Hauptursache für Fehltage im Job. Verändert das auch die klassische Arbeitsmedizin? 

Prof. Volker Harth: Das Thema "Stress am Arbeitsplatz" ist das Thema schlechthin. Die Arbeitsmedizin öffnet sich daher mehr und mehr der Psychologie. Nach dem klassischen Arbeitsschutz, der sich etwa um Gefahrstoffe in der Luft oder um die Arbeitsplatzgestaltung kümmert, sind wir jetzt bei der nächsten Baustelle.

Es geht inzwischen oft weniger darum, die Lunge abzuhören, als über Probleme am Arbeitsplatz zu reden. Es ist vieles möglich, um die Arbeit so zu gestalten, dass sie nicht so sehr an einem zehrt. 

Inwiefern hilft da die Bundesratsinitiative für mehr Schutz vor psychischen Belastungen am Arbeitsplatz, die Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) gestartet hat? 

Die Initiative ist wichtig, um das Thema noch mehr in den Vordergrund zu spielen. Angesichts von demografischem Wandel, Zunahme der Lebensarbeitszeit und Fachkräftemangel sollten Arbeitgeber jetzt schon darauf achten, dass Mitarbeiter nicht verschlissen werden. Daher sollten Vorgesetzte immer im Blick haben: Wie können wir unsere Mitarbeiter pflegen? 

Und was genau lässt sich da tun? 

Die Kommunikation zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern spielt eine wichtige Rolle. Wenn ein Mitarbeiter etwa über anhaltende Rückenschmerzen klagt, sollte der Chef hellhörig werden - das kann ein Zeichen für psychischen Stress sein. Arbeitgeber sollten auch aufpassen, dass sich Arbeitnehmer nicht selbst ausbeuten. Sie tragen die Verantwortung dafür, dass die Arbeitszeit nicht ständig überschritten wird - und dafür, Mitarbeiter an freien Tagen oder im Urlaub nicht zu stören, damit sie ausspannen und wieder Kraft sammeln können.

Arbeitgeber müssen im Blick haben, dass wir in 10, 15 Jahren eine andere Gesellschaft haben werden. Deshalb ist es wichtig, die Präventivmedizin in Deutschland zu stärken. Gesundheit ist ein Zustand, der täglich neu erhalten werden muss. Bisher ist die Medizin aber stark vom kurativen - also heilenden - Ansatz geprägt. 

Welche Rolle kommt dem Betriebsarzt bei der präventiven, also vorbeugenden, Medizin zu?

Arbeitsmediziner sind die einzigen Ärzte, die direkt an den Arbeitsplatz kommen. Sie sehen daher auch Menschen, die ein Allgemeinmediziner nicht zu Gesicht bekommt. Die Arbeitsmedizin ist ein schönes Fach, weil es möglich ist, direkt zu helfen. Man kann Gefährdungen am Arbeitsplatz erkennen - und zwar nicht erst, wenn Mitarbeiter schon da sitzen mit Burnout und Depression.

Ein Betriebsarzt kümmert sich beispielsweise auch um Süchte am Arbeitsplatz, denn bis zu fünf Prozent der Arbeitnehmer kämpfen mit einer Alkoholsucht. Auch bei sogenannten Stressoren wie der Schichtarbeit kann er vermitteln und zum Beispiel anregen, optimale Schichtpläne auszuarbeiten, die abgestimmt sind auf den Schlafrhythmus der Arbeitnehmer. 

Ihr Institut ist für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin zuständig. Was genau untersuchen Sie in der Schifffahrtsmedizin? 

Auch die Schifffahrtsmedizin ist ein weites Feld. Da geht es etwa um die Auswahl von geeignetem Personal für Offshore-Windparks, also um schwierige Arbeitsplätze in schwindelerregender Höhe. Oder für teils sehr anspruchsvolle und belastende Arbeitsplätze auf Schiffen, mit permanentem Lärm oder Vibration, wenn der Motor durch das ganze Boot klackert.

Aber es geht auch um reisemedizinische Aspekte, etwa wenn Seeleute in ein Malariagebiet fahren, um ihre Hautkrebsgefahr oder ihre Stressbelastung. Und um die Hygiene auf Schiffen, beispielsweise eine mögliche Gesundheitsgefährdung durch Schaben an Bord. 

Das Interview führte Julia Ranniko, dpa.


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