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29.07.14 / 10:37
Medizin

Tod ohne Ankündigung

81 von 100.000 Menschen sterben pro Jahr am plötzlichen Herztod. Ohne vorherige Beschwerden oder Risikoanzeichen. Forscher haben jetzt die Todesfälle systematisch untersucht.



Für ihre Untersuchung zum plötzlichen Herztod werteten die Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung rund 230.000 notfallmedizinische Patienteneinsätzen aus acht Jahren aus. peshkova - Fotolia

Er reißt unerwartet Menschen im besten Alter aus dem Leben: der plötzliche Herztod. Forscher des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) haben in einer Region in Niedersachsen erstmals systematisch erfasst, wie viele Menschen am plötzlichen Herztod sterben. Die Forschungsergebnisse erfassen damit erstmals das Ausmaß des Problems und sollen helfen, Todesfälle zu vermeiden.

Nur 13 Prozent der Fälle sind echte Risikopatienten.

In 80 Prozent der Fälle sind Herzrhythmusstörungen im Rahmen eines unvorhersehbaren Herzinfarkts der Grund. Andere Ursachen sind Herzrhythmusstörungen im Rahmen von Herzmuskelerkrankungen und angeborene Herzkrankheiten. In nur 13 Prozent der Fälle sind echte Risikopatienten betroffen, also Menschen, die bereits einen Herzinfarkt hatten, der zu einer deutlichen Herzmuskelschwäche geführt hat oder die eine andere bekannte Herzerkrankung haben, die somit nach den aktuellen Leitlinien prophylaktisch mit einem implantierbaren Defibrillator versorgt werden sollten.

Ein Drittel ist jünger als 65.

Für Deutschland gab es bislang nur Schätzungen, wie viele Menschen am plötzlichen Herztod sterben. Die Forscher ermittelten mit ihrer Untersuchung in Niedersachsen über einen Beobachtungszeitraum von acht Jahren nun eine gesicherte Zahl von 81 Todesfällen pro 100.000 Einwohner und Jahr. Auf ganz Deutschland bezogen sind das etwa 65.000 Fälle und damit etwa 20 Prozent aller Herz-Kreislauf-Toten. Bemerkenswert ist das Auftreten des plötzlichen Herztodes im Alter bis 65 Jahren: 34 Prozent der Todesfälle traten in dieser Altersklasse auf.

Die Wissenschaftler wählten deshalb einen rückblickenden Ansatz. Hierbei kam ihnen das Notfallmedizinsystem einer Gegend in Niedersachsen zu Hilfe: Die Region rund um die Kleinstadt Aurich hat eine zentrale Rettungsleitstelle und zwei Krankenhäuser, in die kardiologische Notfallpatienten routinemäßig eingeliefert werden. So lagen den Forschern einheitliche Daten von rund 230.000 Patienteneinsätzen aus acht Jahren vor.

Um eine hohe Diagnosegenauigkeit zu erzielen, werteten die Wissenschaftler nur jene Fälle aus, bei denen der todbringende Herzstillstand innerhalb von einer Stunde nach dem Auftreten von Symptomen eintrat und zuvor Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt worden waren. Betroffene, die bereits vor Eintreffen des Notarztes starben, wurde nicht einbezogen. Die tatsächliche Zahl der Menschen mit plötzlichem Herztod liegt daher in jedem Fall etwas höher.

Das Problem: Risikopatienten zu erkennen

Die Zahl der so ermittelten Todesfälle blieb über die acht Jahre annähernd konstant. Da sich die Behandlung von akutem Herzinfarkt und kardiovaskulären Erkrankungen im Allgemeinen in diesem Zeitraum verbesserte, besteht die Schwierigkeit den Forschern zufolge vor allem darin, präsymptomatische Risikopatienten zu erkennen und so dem plötzlichen Herztod vorzubeugen.

„Wenn man bedenkt, dass die häufigste Ursache des plötzlichen Herztodes der Herzinfarkt ist, muss man die Bevölkerung sensibilisieren. Auch wer nicht erkennbar krank ist, sollte sich regelmäßig untersuchen lassen und alles tun, um Risikofaktoren klein zu halten“, sagt Prof. Stefan Kääb, Kardiologe am Universitätsklinikum München und Mitarbeiter am DZHK.

Die klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselerkrankungen, Rauchen sowie das familiäre Risiko. Letzteres kann vor allem für den plötzlichen Herztod als Folge eines Herzinfarkts bestehen. Die Verringerung von kardiovaskulären Risikofaktoren könne also aus epidemiologischer Sicht am effektivsten die Häufigkeit des plötzlichen Herztodes reduzieren, so Kääb. Zusätzlich seien zahlreiche Forscher dabei, weitere Untersuchungsmethoden zu etablieren, die etwa mit spezifischen EKG-Signalen helfen können, zusätzliche Risikopatienten zuverlässig zu erkennen.

Originalarbeit: Europace (2014) doi: 10.1093/europace/euu153

 


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