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11.04.14 / 07:47
Meinung

"Praxen für Nicht-Versicherte setzen Fehlanreize"

Praxen für Menschen ohne Krankenversicherung sind nach Ansicht des Hamburger Gesundheitsökonomen Prof. Mathias Kifmann aus sozialer Sicht wichtig - sie setzen aber auch falsche finanzielle Anreize.



Für Obdachlose und Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis sei eine kostenlose medizinische Behandlung unabdingbar, betont Prof. Mathias Kifmann - wahrgenommen werden die Angebote allerdings auch von Selbstständigen, die sich keine Krankenversicherung leisten wollen. CC

"Das ist ein humanitärer Ansatz, dort wird vielen Leuten kostenlos geholfen", sagte Kifmann der dpa. "Aber ein Nebeneffekt ist, dass diese Praxen immer auch Menschen zur Verfügung stehen, die das vielleicht gar nicht brauchen."

137.000 Menschen ohne Krankenschutz

Bundesweit waren im Jahr 2011 - aktuellere Zahlen liegen nicht vor - etwa 137.000 Menschen nicht krankenversichert, wie Kifmann berichtete. Obdachlose und ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland lebende Menschen wurden allerdings nicht erfasst. "Ich vermute, dass die Zahl seitdem etwas zurückgegangen ist", betonte er. Der Grund dafür sei das Gesetz zum Erlass von Beitragsschulden, das im Sommer 2013 in Kraft getreten und bis Ende vergangenen Jahres befristet war. 

Selbstständige als Trittbrettfahrer

Eine wichtige Gruppe unter den Nicht-Versicherten seien Selbstständige, deren Geschäfte zwar nicht gut liefen, die aber noch Vermögen - etwa Haus oder Auto - hätten, sagte Kifmann. "Sie wollen nicht alles auflösen - und können oder wollen sich daher keine Krankenversicherung mehr leisten. Wenn sie die Option haben, sich in Arztpraxen umsonst behandeln zu lassen, ist das problematisch." 

Strengere Regeln für den Zugang zur PKV

Dahinter steckt für den Gesundheitsökonomen das strukturelle Problem, dass sich Selbstständige ohne Einkommensprüfung privat versichern können. Der Zugang zur privaten Krankenversicherung müsse daher strenger geregelt werden, forderte Kifmann - etwa indem Selbstständige mehrere Jahre lang ihr Einkommen nachweisen, bis sicher ist, dass sie den Beitrag dauerhaft zahlen können. 

Unabdingbar für Obdachlose und Flüchtlinge

Für Obdachlose und Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis sei eine kostenlose medizinische Behandlung dagegen unabdingbar, betonte Kifmann. Hartz-IV-Empfänger übrigens müssen sich nicht an solche Praxen wenden - sie sind automatisch krankenversichert. 

von Julia Ranniko, dpa


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