sf/pm
19.08.13 / 10:16
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Brutale Kraft der Pestizide

Forscher der Universität Tübingen haben den Einfluss von Pestiziden auf die Umwelt untersucht. Die Pflanzenschutzmittel können ganze Ökosysteme negativ verändern.



Jürgen Faelchle - Fotolia.com

In den letzten 50 Jahren hat sich die Anzahl der Menschen fast verdoppelt ‒ und damit auch die globale Nahrungsmittelproduktion. Als eine Folge haben der Einsatz von Pestiziden und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Pflanzen an Bedeutung gewonnen.

Dass Pestizide auch auf Organismen giftig wirken können, gegen die sie ursprünglich nicht eingesetzt wurden, hat sich in Laborversuchen vielfach gezeigt. Auch wird im Zusammenhang mit einer Intensivierung der Landwirtschaft weltweit immer wieder von Populationseinbrüchen bei Wildtierbeständen und von Artensterben, wie beispielsweise bei Amphibien, berichtet.

Pestizide beeinträchtigen die Ökosysteme

Den Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Veränderungen ökologischer Systeme haben Prof. Heinz Köhler und Prof. Rita Triebskorn vom Institut für Evolution und Ökologie der Universität Tübingen in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Science“ analysiert.

Die Tübinger Ökotoxikologen benennen dabei Defizite in der Forschung. Diese verhinderten bislang, dass Folgen biochemischer Pestizidwirkungen auf die Populationsstruktur einer Art oder auf die Zusammensetzung von Artengemeinschaften erkannt würden. „Obwohl zahlreiche Indizien für Veränderungen von Tierpopulationen oder Biozönosen durch Pestizideinsatz vorliegen, existieren nur wenige Studien, die diesen Zusammenhang zweifelsfrei nachgewiesen haben“, monieren Köhler und Triebskorn in einer Mitteilung an die Presse.

In diesem Zusammenhang weisen die beiden Wissenschaftler auf mathematische und experimentelle Ansätze hin, mit denen sich Verbindungen zwischen den Auswirkungen von Pestiziden bei Individuen und ökologischen Veränderungen von Artengemeinschaften und Ökosystemen in Regionen mit intensiver landwirtschaftlicher Aktivität erkennen ließen.

Kombinierte Studien bringen neue Erkenntnisse

Eine Schlüsselrolle spielten dabei bislang selten durchgeführte Studien, die experimentelle Freilandarbeit mit Forschungen an begrenzen Ausschnitten aus Ökosystemen sowie einer großen Palette an chemischen und biologischen Analysen kombinierten: In einem interdisziplinären Ansatz könnten derartige Studien aus Sicht der Forscher plausible Zusammenhänge zwischen der Wirkung von Chemikalien in Mensch und Tier und oft indirekten Effekten nachweisen, die sich auf den Ebenen von Population, Lebensgemeinschaft und Ökosystem abspielen.

Zudem stellen die Wissenschaftler in ihrer Studie Prognosen zu Wechselwirkungen von Pestizideffekten und der globalen Erwärmung: Sie erwarten, dass diese Interaktionen langfristig den Selektionsdruck in der Natur, die Verbreitung von Infektionen sowie die Geschlechtsausprägung und Fruchtbarkeit von Wildtieren verändern.

Dies könnte wiederum negative Auswirkungen auf Populationen, Artengemeinschaften und Nährstoffkreisläufe haben. Eine weitere Herausforderung für die Wissenschaft ist es deshalb, so die Tübinger Umweltforscher, zu zeigen, wie stark Pestizideffekte durch den Klimawandel beeinflusst werden, und welche ökologischen Prozesse für diese Wechselwirkungen besonders sensitiv sind? „Die Zusammenhänge von Pestizidwirkungen auf allen Ebenen steigender biologischer Komplexität müssen besser erforscht werden“, fordern die Wissenschaftler.

Nicht genug Studien wegen zu hoher Kosten

Auf Nachfrage von zm-online benennen die beiden Wissenschaftler Ursachen für die ausbleibenden Studien: "Der Hauptgrund liegt sicher in den hohen Kosten, die ein interdisziplinäres Projekt, welches Laborversuche (...)  und Freilanduntersuchungen bündelt, verursacht."

Üblicherweise lägen diese über einer Million Euro, meist mehr. Des weiteren sei es bei vielen Förderinstitutionen nur möglich, Gelder in der Regel für drei Jahre, in Ausnahmefällen für fünf Jahre zu beantragen. Um ökologische Pestizidwirkungen zu erfassen, sei diese Zeit jedoch äußerst knapp bemessen, begründen Köhler und Triebskorn gegenüber diesem Medium.


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