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23.06.17 / 14:48
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Das Versprechen: digital und günstiger

Deutschlands erste rein digitale, private Krankenversicherung für junge Gutverdiener ist da: Am 21. Juni 2017, auf den Tag 134 Jahre nach Inkrafttreten des Krankenversicherungsgesetzes von Otto von Bismarck ist „ottonova“ – daher der Name – gestartet.



Es ist die erste Neugründung einer Krankenvollversicherung seit 17 Jahren - obwohl sich immer weniger Menschen privat versichern wollen. www.ottonova.de

Vor eineinhalb Jahren gründete der Mediziner Dr. Roman Rittweger das Start-up ottonova – mit dem wenig bescheidenen Ziel „eine Krankenversicherung zu schaffen, die neue Maßstäbe setzt“. Seine Idee: Vom Vertragsabschluss bis zur Rechnung läuft bei ottonova alles digital. Auch Kostenvoranschläge sollen bis zu bestimmten Summen vollautomatisch geprüft werden. Dadurch soll es für Versicherte günstiger werden. Als Zielgruppe bedient sich Rittweger der digital-affinen Gutverdiener – Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Berater.

zm-online: Sie setzen auf die Digitalisierung und wollen dadurch die Beiträge für Ihre Kunden senken. Doch immer weniger Menschen wollen sich überhaupt privat versichern. Die Politik diskutiert erneut über die Bürgerversicherung. Wie wollen Sie diese Hürde nehmen?

Roman Rittweger: Wie immer vor Bundestagswahlen werden die Rufe nach einer Bürgerversicherung laut. Man muss allerdings kein Prophet sein, um zu sehen, dass die Bürgerversicherung in der aktuellen Parteienlandschaft in den nächsten Jahren nicht kommen wird. Und das ist gut so: Die Daseinsberechtigung der PKV ist der Wettbewerb der Systeme. Jeder Politiker, der sich uns genau ansieht, wird erkennen, dass wir dem System nach vorne helfen.

Zu unseren Beiträgen: Der Gedanke, dass sie der Billigste sein müssen, ist falsch. Im Gegenteil: Wenn Sie Kunden mit günstigen Einsteigertarifen ködern und später die Preise anpassen müssen, ist das eher kontraproduktiv. Zudem unterliegen wir ja auch gewissen Regulierungen bei der Beitragsfestlegung. Wir haben sauber kalkulierte Tarife und wollen mit einem besseren Kundenerlebnis überzeugen.

Dr. med. Roman Rittweger ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der Ende 2015 gegründeten ottonova Holding AG. ottonova

Unser Kundenerlebnis ist digital: angefangen bei der Suche nach einer Versicherung über die Anmeldung, das Auswählen des Tarifs und die Beantwortung der Gesundheitsfragen bis hin zum gesamten Schriftverkehr – alles läuft komplett online ab. Die gesamte Kommunikation erfolgt über unsere eigene App. Über diese App steht zudem ein Concierge Service zur Verfügung, der auch Ärzte vermittelt und Sie als Kunden betreut.


Die Aufnahme der Neukunden erfolgt also online, der Kunde kommuniziert ausschließlich über die App im Smartphone. Die meisten Versicherungen werben mit ihrem persönlichen Service - steht dieser bei ottonova im Hintergrund?

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, mit unseren Mitarbeitern persönlich über das Telefon in Kontakt zu treten. Oder eben online im Chat. Das ist ja gerade das, was sich die sogenannten Digital Natives wünschen: dass alles bequem, aber auch individuell und persönlich online erledigt werden kann.

Sogar Rechnungen und Kostenvoranschläge werden vollautomatisch geprüft und verarbeitet. Kann der Algorithmus den Sachbearbeiter tatsächlich ersetzen?

Die digitalen Technologien ermöglichen tatsächlich eine unglaublich präzise und zuverlässige Rechnungsprüfung. Das beschleunigt und verbessert die Prozesse spürbar. Das sind außerdem lernende Systeme, die immer besser werden auf Basis der verarbeiteten Daten. Trotzdem können sie die Expertise eines Sachbearbeiters natürlich nicht ersetzen. Er kann sich allerdings auf die wirklich kritischen Fälle konzentrieren.

Stichwort Portabilität von Altersrückstellungen: Wie können Privat-Versicherte wechseln?

Die private Versicherung kann man grundsätzlich immer wechseln. Ob und in welcher Höhe man die Alterungsrückstellungen mitnehmen kann, kann einem der aktuelle Versicherer mitteilen. Für Verträge nach 2009 wird auf jeden Fall ein großer Teil mitgegeben. Dieser sogenannte Übertragungswert senkt die neuen Beiträge dann auch.

Ein Wechsel kann sich immer lohnen. Unsere Tarife zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie im Vergleich zu vielen anderen PKV Tarifen auch für Familien mit Kindern durch verschiedenste Leistungen durchaus attraktiv sind.

Das Vorbild zu ottonova kommt aus den USA und heißt "Oscar". Das Unternehmen ist mit drei Milliarden Dollar bewertet - macht aber Verlust. Wie wollen Sie dies verhindern?

Oscar ist mit Kampfpreisen in den Markt gegangen und hat deshalb einen versicherungstechnischen Verlust ausgewiesen – wir werden nicht so aggressiv auftreten. Wir werden wahrscheinlich am Anfang auch rote Zahlen schreiben. Doch unser Plan ist, dass wir innerhalb der nächsten drei Jahre die Gewinnschwelle erreichen.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir dieses Ziel erreichen werden. Aber wir lassen uns Zeit mit der Kundengewinnung, denn wir wollen nicht mit teuren Vertriebskosten und Maklervertrieb operieren. Es gibt darum keine große Werbekampagne, sondern nur einen Soft-Launch über Social Media. Werbung vor der Sportschau und Plakate in ganz Deutschland wird es von uns nicht geben.

Mit ottonova handelt es sich dabei um die erste Neugründung einer Krankenvollversicherung seit über 17 Jahren. Damit ottonova erstmals Verträge mit Kunden abschließen und somit an den Start gehen konnte, musste zunächst die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ihre Zustimmung erteilen. Dafür musste ottonova wiederum Rücklagen in Höhe von 40 Millionen Euro nachweisen.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, hat der Versicherer Debeka Mitte Juni zehn Millionen Euro in das Start-up investiert. Dafür habe Debeka „etwas mehr als zehn Prozent“ der Aktien an ottonova erhalten. In einer ersten Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr hatte sich unter anderem Holtzbrinck Ventures an ottonova beteiligt – mit fünf Millionen Euro. Im März erhielt das Start-up weitere 15 Millionen von mehreren Geldgebern, darunter Vorwerk Ventures und Tengelmann Ventures.


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