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01.10.13 / 16:55
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Der ewig Mahnende

Der Philosoph und Mediziner Prof. Giovanni Maio wurde im Münsteraner Erbdrostenhof mit dem Apollonia-Stiftungspreis für seinen Einsatz für die Prävention ausgezeichnet.




Dass sich die Zahnmedizin in einem Spannungsfeld zwischen Ökonomisierung und ethischem Ansatz befindet, sei derzeit viel beschrieben. Maio habe sich in seinen Texten mit diesem zeitgenössischen Phänomen viel und kritisch befasst. Auch deshalb habe sich die Jury für ihn entschieden, erklärte Dr. Klaus Bartling, Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung der Zahnärzte zu Westfalen-Lippe und Präsident der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe. Der Apollonia-Preis wird seit 2002 verliehen und ist mit 15.000 Euro dotiert.

Kritischer Berater der Zahnmedizin

Der Präsident der Bundeszahnärztekammer, Dr. Peter Engel, wies auf die besonderen Erfolge der Zahnmedizin in der Prävention hin. Mit dem Apollonia-Preis und der Wahl des Preisträgers demonstriere die Zahnärzteschaft, dass sie mitten in der Gesellschaft steht und sich für den Erhalt der präventiven Zahnheilkunde einsetzt.

Engel warnte zugleich, dass die Schere zwischen privilegierten Bürgern mit Gesundheitskompetenz und den Schichten ohne eine entsprechende Ausstattung wachse. Deshalb sei es wichtig, dass der Berufsstand empathisch bleibe und Bedürfnisse erkenne. Engel: "Wir sind ein Heilberuf, der bedingungslos hilft." An Maio stellte der BZÄK-Präsident eine Bitte: "Stehen Sie uns weiterhin mit ihrem kritischen Rat zur Seite. Wir brauchen Klarheit darüber, was wir brauchen, was wir ändern und was wir bewahren müssen."

In seiner Laudatio wies der Präsident der Bezirksärztekammer Südbaden, Dr. Christoph von Ascheraden, auf die ethischen Grenzen in der Medizin hin. Maio rufe stets klug die Besinnung auf die ärztliche Berufsethik als eine der herausragenden Tugenden in Erinnerung, ohne indes den Zeigefinger zu erheben.

Die Kantsche Pflicht

Es seien die  Verhältnisse dieses Landes, denen die Ehre für den Preis eigentlich gebühre, sagte der gebürtige Italiener Maio zu Beginn seiner Ansprache. Nur durch die deutschen Arbeitsbedingungen habe er seine persönliche Leidenschaft  für das Nachdenken auch zum Beruf machen können. 

Der Preisträger des Apollonia-Stiftungspreises 2013, Prof. Giovanni Maio.

Ist der Mensch nun allein für seine Gesundheit verantwortlich? Zumindest sei er es primär sich selbst schuldig, seinen Körper zu pflegen, um seine Würde zu erhalten. Täte er dies nicht, so sei das ein Verstoß gegen die Selbstachtung, erläuterte Maio und bezog sich auf die Lehre Immanuel Kants.

Allerdings sei es nicht allen Menschen möglich, selbst auf ihre Gesundheit achtzugeben. Dies betreffe Alte, Pflegebedürftige, Kleinkinder und Menschen mit Handicap. Für diese Menschen sei es besonders wichtig, dass sich die Berufsgruppe der Mediziner und Zahnmediziner auf ihre Fürsorgepflicht besinnt, um auch diesen Gruppen eine adäquate medizinische Versorgung angedeihen zu lassen.

Empowerment ist ein Ziel, aber kein Selbstläufer

Das heute so oft benutzte Wort "Empowerment" könne praktisch nur dann greifen, wenn hilfebedürftige Menschen zunächst durch professionelle Helfer zur Eigenverantwortung geleitet werden. Maio: "Menschen können nur dann eigenverantwortlich handeln, wenn sie zuvor gelernt haben, zu vertrauen."

Je mehr den Menschen durch das "Eigenverantwortungsparadigma" suggeriert wird, dass sie ihr Recht auf Hilfe auch verwirkt haben können, wenn sie sich nicht eigenverantwortlich verhalten, um so mehr würden sie demotiviert. Maio nannte als Beispiel Adipöse, die durch Stigmatisierung in die Depression getrieben werden.

Die Eigenverantwortung isoliert herbeiführen zu wollen, sei der falsche Weg. Zahnmediziner sollten auf der Seite der Patienten stehen. Die Zahnmedizin müsse signalisieren, dass sie ihre Patienten nie im Stich lassen werde. Erst dann würden sich die Patienten gestärkt fühlen für Maßnehmen, wie etwa die Prophylaxe zu Hause.

Kult der Eigenverantwortung

Die größte Gefahr eines zu einseitigen Kults der Eigenverantwortung liege darin, dass die Gesellschaft versucht sein kann, unter Verweis auf die Verantwortung des Einzelnen die Solidarität aufzugeben. Damit geht dann laut Maio eine große gesellschaftliche Errungenschaft verloren. Und der  gemeinwohlorientierte gesellschaftliche Bezugsrahmen in die Brüche.

Die Apollonia-Stiftung zeichnete neben Maio auch die Privat-Dozentin Dr. Mozhgan Bizhang der Universität Witten/Herdecke mit dem Förderpreis in Höhe von 2.500 Euro für ihre wissenschaftlich Arbeit im Bereich der zahnärztlichen Prävention aus. Die Oberärztin beschäftigt sich mit der Vorbeugung von Zahnwurzelkaries.

Kein Rezept für alle

Bizhangs Ergebnis: Es gibt kein Rezept für alle. Die Prophylaxe der Wurzelkaries erfordere sowohl eine gute häusliche Mundhygiene als auch regelmäßige professionelle Zahnreinigungen beim Zahnarzt. Doch dann werde es uneinheitlich: Die einen Patienten reagierten besser auf eine Behandlung mit Fluoriden zum Schutz der empfindlichen Zahnhälse, andere besser auf Chlorhexidin. Und auch dann spielten unterschiedliche Konzentrationen noch eine erhebliche Rolle.

Ein Universalrezept - so das Ergebnis ihrer Forschung - gibt es nicht. Bizhang: "Der Zahnarzt muss für jeden Patienten eine individuelle Vorbeugung und Behandlung entwickeln. Die Zukunft liegt sicher in einem Praxiskonzept mit einer individuellen kontinuierlichen Patientenbetreuung, erklärt die Preisträgerin.

Die Ägypterin Apollonia wurde im 2. Jahrhundert nach Christus in Alexandria geboren und lebte zur Zeit des christenfreundlichen Kaisers Philipp des Arabers. Als im Jahre 249 eine von Heiden angestiftete Hetzjagd gegen Christen begann, wurde auch Apollonia Opfer dieser Verfolgung. Überlieferte Berichte über ihr Martyrium besagen, dass man sie schwer misshandelte. Bei den grausamen Folterungen wurden ihr demnach alle Zähne ausgeschlagen und der Unterkiefer zertrümmert.


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