ck/dpa
05.08.13 / 10:39
Nachricht

Ein Fisch im OP-Saal

Das Wartezimmer ist gut besucht: Eine Schildkröte sitzt in einem Korb, daneben steht ein Käfig mit einem piependen Wellensittich und in einer Box ist ein Chamäleon sicher untergebracht.



Ka-Zu-Mi - Fotolia.com

Die Tiere sind Patienten in der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Zierfische in Oberschleißheim. In der Einrichtung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität kümmern sich mehr als 60 Ärzte, Tierpfleger und Doktoranden um Haustiere der bisweilen besonderen Art. 

Amsel, Drossel, Fink und Strauß

Mehr als 6.000 Patienten werden in der Klinik jährlich behandelt, sagt Leiter Prof. Rüdiger Korbel. Dazu kommen rund 1.200 Wildvögel, die etwa von Passanten gefunden und abgegeben wurden. "Wir behandeln hier alles: Amsel, Drossel, Fink und Star. Vom zwei Gramm leichten Kolibri bis hin zum 170-Kilogramm Strauß", zählt Korbel auf. Dazu kommen Reptilien, Amphibien und Zierfische. 

Miniaturisierte Geräte für den Guppy

Vögel, Schlangen und Fische werden genauso behandelt, wie es bei Hunden oder Katzen der Fall ist. Auch Fische können hier in Narkose gelegt und operiert werden. "Dazu legen wir den Fisch auf ein Vakuumkissen - fassen ihn nur mit Handschuhen an, um seine Schutzschicht nicht zu verletzen - und befeuchten ihn immer wieder." Verwendet wird die gleiche Technik, wie in der Humanmedizin - nur kleiner.

Ob Ultraschall, Röntgen oder Endoskopie: Die Geräte würden miniaturisiert, erklärt der Klinikleiter. "Ob Kolibri oder Guppy - zu klein gibt's nicht."  Im Behandlungszimmer hält eine Tierärztin ein Chamäleon auf der Hand. Das Tier hat seinen Schwanz um das Handgelenk der Ärztin geschlungen und bewegt sich nicht. Es leidet unter anderem unter Verdauungsproblemen. "Sonst leuchtet es so kräftig grün", sagt sein Herrchen. Jetzt ist es dunkelrot, es geht ihm nicht gut. Die Ärztin erwägt eine Antibiotika-Behandlung. 

In einem Extra-Raum nebenan sind mehrere australische Wüsten-Echsen in Terrarien stationär untergebracht. An einem jungen Königspython namens "Karl-Heinz" zeigen Korbel und die Tierpflegerin Miriam Mosinzer, wie eine Schlange während der Behandlung richtig gehalten wird. Etwa 340 Studenten der Veterinärmedizin lernen in der Klinik jedes Jahr den richtigen Umgang mit den Tieren. "Karl-Heinz" züngelt und schlängelt sich um den Arm der Tierpflegerin. Von ihm geht keine Gefahr aus. 

Pro Meter Schlange ein Mann

Es gibt auch Patienten, bei denen das anders ist. Bei großen Würgeschlangen dagegen gelte die Devise: Pro Meter Schlange ein Mann. Giftschlangen müssen zur Behandlung betäubt werden. Antiseren hält die Klinik nicht vor: zu teuer. Sie liegen Korbel zufolge teilweise im fünfstelligen Euro-Bereich und müssten regelmäßig erneuert werden. 

Etwa die Hälfte der Tiere, die in die Klinik gebracht werden, leide an haltungsbedingten Krankheiten. Viele Halter wissen zu wenig über die Bedürfnisse ihrer Haustiere. Sie kauften eine Schildkröte oder eine Schlange, weil sie ihnen einfach zu handhaben scheint, so Korbel. "Mit einer Schlange muss man nicht Gassi gehen." Doch mit Fütterung oder Terrarien befassten sich die Halter nicht. "Viele Tiere werden dann ausgesetzt oder im WC runtergespült." 

Ausgesetzt oder im  Klo runtergespült

Reptilien leiden dem Experten zufolge häufig an Rachitis, Vögel unter falscher Beleuchtung. Verletzungen von Schildkröten stammen oft von Fensterstürzen, oder sie sind von einem Auto überfahren worden. "Immer wieder passiert es, dass eine Schildkröte von einem Hund gebissen wird. Hunde verwechseln sie mit einem Kauknochen." 

Zu den Patienten gehören auch verletzte Wildvögel, vom Zoll beschlagnahmte Tiere oder erkrankte Zootiere. Neben der Behandlung finden in der Klinik die Ausbildung angehender Tierärzte und anwendungsorientierte Forschung statt. Zudem gibt es ein Labor, in dem Schnell- und Notfalldiagnostik möglich sei. "Das macht die Klinik europaweit einzigartig", sagt Korbel.

Der vererbte Ara

Seine Bitte an alle Tierfreunde: sich vor dem Kauf über die Haltung beraten zu lassen. Auch die Lebenserwartung der Tiere sollte berücksichtigt werden. Papageienvögel werden 50 bis 60 Jahre, Kakadus 70 und Aras gar 110 bis 120 Jahre. "Schildkröten leben noch viel länger." Das bedeute, dass die Tiere teilweise nach dem Tod des Besitzers auf dessen Erben übergehen. Das sei nicht immer einfach, weil sich die Tiere an ihre Herrchen oder Frauchen gewöhnen. Selbst ein Grüner Leguan zum Beispiel könne auf seinen Halter fixiert sein. 

Ob Goldfisch oder Koi-Karpfen - die Behandlung ist nicht teurer, je exklusiver das Tier ist. Eine Narkose samt Röntgen und OP könne bei einem Wellensittich mit etwa 100 bis 150 Euro zu Buche schlagen. Sind Schmerzen oder das Leiden eines Tieres zu groß, müsse es jedoch eingeschläfert werden. Da spielen sich oft Dramen ab, weiß Korbel aus Erfahrung. Schließlich lebt manche Schildkröte oder mancher Papagei 50 Jahre oder länger mit seinem Herrchen zusammen. 




Mehr zum Thema


Werblicher Inhalt