Hans-Joachim Dubau
23.01.17 / 08:52
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Ein Zahnarzt in Indien (2)

Wenige Tage vor meiner geplanten Abreise nach Indien erreicht mich noch eine E-Mail von Marika mit dem voraussichtlichen Reiseverlauf. Und einer Anregung: Da ich in den Familien der zahnärztlichen Kollegen leben soll, wäre es natürlich schön, ich brächte den Familienmitgliedern ein paar Dinge mit, die typisch sind für meine Wahlheimat und mich. Ach ja: Vielleicht könnte ich ja auch musizieren oder etwas kochen.




Reibeplätzchen und Pfannkuchen

Na prima, ein typisches Ruhrgebietsgericht zaubern für eine oder zwei Großfamilien. Sind die meisten Menschen in Indien nicht Vegetarier? Gibt es überhaupt ein typisch deutsches Gericht ohne Fleischeinlage? Nach langem Überlegen komme ich auf Reibeplätzchen und Pfannkuchen. Die kriege ich wohl hin, auch für viele Leute.

Wieder stellen sich Fragen an: Was ist denn sonst typisch für die Region, in der ich lebe? Was ist typisch für mich, was macht mein Leben aus? Meine Hobbys, mein Alltag? Gut, ein Bildband "Schönes Ruhrgebiet" ist schnell besorgt, weihnachtliche Schneekugeln gibt es Anfang November ja auch schon zu kaufen, und für die Kollegen soll es ein Praxis-T-Shirt sein. Welche Größe nehme ich am besten? Ich kenne meine indischen Kollegen nicht, aber in meiner Vorstellung sind  sie schlank und um die 1,80 Meter groß.

Die letzte Minute

Reisevorbereitend lege ich noch schnell ein Vokabelheft mit häufig gebräuchlichen Fachwörtern an,  die ich in Englisch auffrischen will. Um überhaupt wieder in das Englische zu kommen, hole ich mir die Englischkrimis für fortgeschrittene Anfänger aus meinem Bücherregal. So einfach durchzulesen sind sie dann aber doch nicht und schon gar nicht "mal eben" in den paar Tagen, die bis zur Abreise verbleiben. Und da ist er wieder. Der für mich anscheinend typische Charakterzug: Vorbereitung immer auf die letzte Minute. Wie wenig ich ihn mag, obwohl wir uns schon so lange und so gut kennen ...

Und die Angst vor der Kamera ist auch wieder da. Denn da ist sie natürlich wieder: die Kamera für das Videotagebuch. Am Flughafen in Frankfurt bekomme ich sie erklärt, wie sie eingestellt wird, dass man selber darauf zu sehen ist, und dass man nicht nur auf sich im Display achtet, um noch sagen zu können, was man zu sagen hat. Zum Beispiel, was die Highlights des Tages waren, und was einen bewegt.

Dann soll ich doch schon mal üben damit. Ist mir unglaublich unangenehm. Andere Menschen in meiner Nähe zu wissen, die mir beim Üben zuschauen und zuhören. Das bekomme ich nicht hin und verspreche, zu üben, wenn ich für mich bin. Ganz in Ruhe und mit Peinlichkeiten, die nur ich mitbekomme und die ich auch direkt wieder löschen kann.

Abflug

Endlich geht es richtig los. Abflug! Im Flugzeug der Air India fällt mir die Frauenquote direkt auf. Ich sehe ausschließlich männliche Flugbegleiter. Wie ist es in Indien um die Emanzipation der Frau bestellt?

Nach einem sehr angenehmen und ruhigen Nachtflug kommen wir am Morgen in Neu-Delhi an. Das Abfertigungschaos und reichlich dunstige Luft empfangen uns in dem riesigen und überfüllten Flughafengebäude. Draußen wartet dafür strahlender Sonnenschein mit sehr angenehmen, frühlingshaften Temperaturen.

Vor uns liegt eine etwa fünfstündige Autofahrt nach Jaipur. Eingequetscht zwischen Kamerakisten, mit Gepäck auf dem Schoß, fallen mir vor Müdigkeit immer wieder die Augen zu und werden aufgerissen,
wenn der sehr gewöhnungsbedürftige Linksverkehr bedrohliche Ausmaße annimmt. Das macht er recht häufig, denn eigenartige, meist hoffnungslos überladene, Gefährte kreuzen die Fahrbahn, gebremst wird selten, eher ruckartig unter Dauerhupen ausgewichen. Nur die allgegenwärtigen Kühe werden respektvoll umfahren.


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