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25.10.16 / 16:25
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Kippt Österreichs Quotenregelung?

in Österreich gibt es in der Human- und Zahnmedizin für ausländische Studenten eine Quote. Das Land will diese Regelung verlängern, die EU-Kommission prüft gerade den Antrag. Doch nicht alle österreichischen Ärzte sind der Ansicht, dass dieser Weg auf lange Sicht gut für die Versorgung ist.



In Österreich wurde 2006 die Zahl der Zahl der Studienplätze für Human- und Zahnmedizin an den öffentlichen Universitäten rigoros auf 1.500 beschränkt - mittlerweile gibt es 1.620. 75 Prozent dieser Plätze sind für österreichische Abiturienten reserviert, der Rest geht an EU-Bürger (20 Prozent) und an Nicht-EU-Bürger (fünf Prozent). denisismagilov - Fotolia

2006 wurde in Österreich die Zahl der Zahl der Studienplätze für Human- und Zahnmedizin an den öffentlichen Universitäten rigoros auf 1.500 beschränkt. Seitdem gilt außerdem, dass 75 Prozent dieser Plätze für österreichische Abiturienten reserviert sind, während 20 Prozent an EU-Bürger und fünf Prozent an Nicht-EU-Bürger gehen. Diese Quotenregelung  hatte man eingeführt, als der Europäische Gerichtshof die dahin gültigen Zugangsregelung aufgehoben hatte, und es infolgedessen zahllose in Deutschland am NC gescheiterte Bewerber zum Studieren gen Österreich zog.

Ohne Quote keine Versorgung?

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) gewährte Österreich nun bis Ende 2016 ein Moratorium, denn die Quotenregelung als solche verstößt gegen EU-Recht - sie diskriminiert EU-Bürger. Bis dahin muss das Land daher nachweisen, dass die medizinische Versorgung ohne diese Quote nicht gesichert ist, zum Beispiel, weil das Gros der ausländischen Studenten - und das sind angehende Mediziner aus Deutschland - nach ihrem Abschluss wieder zurückgeht und dem österreichischen Gesundheitssystem nicht zur Verfügung steht.

Wie die Agentur apa meldet, ist die Zahl österreichischer Absolventen in der Humanmedizin seit 2009/10 um 38 Prozent zurückgegangen, während die Zahl der frisch gebackenen deutschen Mediziner von fünf auf über 18 Prozent stieg. Zudem bleiben deutsche Ärzte nach ihrem Abschluss offenbar viel seltener im Land als ihre österreichischen Kollegen: Von den Jahrgängen 2008/09 bis 2011/12 arbeiteten nur 43 von 603 - also 7,5 Prozent - der Deutschen nach ihrem Studium als Mediziner in Österreich. Bei den Österreichern und den Absolventen aus Drittstaaten ist das Verhältnis demzufolge fast umgekehrt. Aktuell haben sich demnach mehr als 12.000 Personen dem Aufnahmetest gestellt - um die 1.000 mehr als im Vorjahr. Rund 35 Prozent davon sind Deutsche.

WS 2016: 20 Prozent der angehenden Human- und Zahnmediziner sind Deutsche

Nach aktuellen Zahlen wurden für das aktuelle Wintersemester 75 Prozent der 400 Studienplätze für Human- und Zahnmedizin an österreichische Bewerber vergeben, 20 Prozent an Bewerber aus EU-Staaten und 5 Prozent aus Drittstaaten.

Insgesamt 3.500 Ärztestellen werden Österreich voraussichtlich bis 2030 fehlen, sollte die Quotenregelung gekippt werden, sagte Wissenschaftsminister Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP).und verweist auf die österreichische Ärztekammer.

"Bis 2030 fehlen 3.500 Ärztestellen"

Sollte die Quote dennoch wegfallen, könnten Mitterlehner zufolge entweder Stipendien für Medizinstudenten eingeführt werden, die nach dem Studium für einen bestimmten Zeitraum zu einer ärztlichen Tätigkeit im Land verpflichten, oder zusätzliche Anreizen für Ärzte geschaffen werden, die sich in einer bestimmten Region niederlassen.

Diesen Einschätzungen widerspricht Markus Müller, Professor für innere Medizin und klinische Pharmakologie und Rektor der Medizinischen Universität Wien, vehement. Er fürchtet einen "Reputationsschaden" für Österreich und "Ärzte zweiter Klasse". Ärztemangel gebe es keinen. Viel eher habe sich das österreichische Gesundheitssystem "an die Droge Arzt gewöhnt", sagte er "der Presse".

Aufgrund völlig falscher Motive, dahingehend, dass sich jede Gemeinde seine eigene Uni baut, würden plötzlich Universitäten gegründet. Müller: "Das Besorgniserregende ist, dass die Ausbildungen teilweise mit medizinischen Universitäten wenig zu tun haben. Es gibt de facto keine international übliche forschungsgeleitete Lehre. Das ist ein potenzieller Reputationsschaden für den Standort Österreich", sagte Müller und verwies auf den Fakultätentag in Deutschland, der schon vor einem 'Dr.med.light' aus Österreich gewarnt habe.

"Wir haben keinen Ärztemangel, sondern ein Standortproblem!"

"Österreich braucht die Quote derzeit tatsächlich als Hilfskonstruktion, um die ärztliche Versorgung aufrechtzuerhalten", sagte er in dem Interview. "Aber die EU-Kommission wird sich mit Sicherheit die OECD-Zahlen anschauen. Da zeigt sich eines ganz genau: Österreich hat im Vergleich mit anderen Ländern sowohl eine hohe Anzahl an Medizinabsolventen als auch eine hohe Ärztedichte. Wir haben also kein quantitatives Problem in der Ausbildung, sondern ein qualitatives Standortproblem."

Müller: "Das Studium ist ein Exportschlager." Die Medizinabsolventen blieben nach dem Studium aber nicht -  bis zu 40 Prozent verließen das Land. "Das Problem an den Unis zu suchen, kommt also einer Themenverfehlung gleich. Wir sollten uns eher Gedanken darüber machen, wie wir unsere Spitals- und Gesundheitslandschaft so gestalten können, dass Menschen aus Europa und der ganzen Welt in Österreich arbeiten wollen."

Ende 2016 werde die Kommission entscheiden, ob die Quotenregelung verlängert wird, oder ob der Fall überhaupt geschlossen wird, erklärte ein Sprecher der EU. Anfang Oktober hatte Österreich den 181 Seiten umfassenden Abschlussbericht an die EU-Kommission geschickt.
 


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