sf/pm
15.06.17 / 10:57
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NS-Zeit: "Zahnärzte haben ihren Auftrag missachtet!"

Zwangsarbeit bei Zahnärzten, Entnazifizierung der universitären Zahnmedizin, Gleichschaltung der Verbände, rassenhygienische Ausmerze der Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten: In Aachen trafen sich Zahnärzte, Wissenschaftler und Standespolitiker, um über die "Zahnheilkunde und Zahnärzteschaft im Nationalsozialismus“ zu diskutieren.




Aufarbeitung: "Der Berufsstand übernimmt Verantwortung!"

Dr. Peter Engel vertrat als Präsident der Bundeszahnärztekammer die deutsche zahnärztliche Standespolitik: „Es gibt die Sorge mancher Berufsvertreter, dass Image und Ansehen des zahnärztlichen Berufsstands durch die Erkenntnisse leiden könnten“, erklärte er in Aachen. „Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass das Gegenteil zutreffen wird: Aufarbeitung ist ein klares Zeichen, dass der Berufsstand nicht nur fachliche Aufgaben, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt“, ergänzte der BZÄK-Präsident in seiner Rede. Dazu gehöre auch der Herbert-Lewin-Preis, der wissenschaftliche Arbeiten zur Aufarbeitung der Rolle der Ärzte im Nationalsozialismus prämiert. Die sechste Ausschreibung wird aktuell von der Bundeszahnärztekammer verantwortet.

"Zahnärzte haben damals ihren Auftrag vielfach missachtet oder vorauseilend im Sinne der NS-Ideologie interpretiert"

„Zahnärzte und ihre berufsständischen Vertreter haben damals ihren eigentlichen Auftrag, ihre Patienten zu behandeln und nach bestem Wissen und Gewissen zu heilen, vielfach missachtet oder vorauseilend im Sinne der NS-Ideologie interpretiert“, stellte Martin Hendges, stellvertretender Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, in seinem Grußwort klar: „Wir wissen, dass Zahnärzte in Konzetrationslagern für den schändlichen Zahngold-Raub zuständig waren. Furchtbare Bedeutung erlangten Zahnärzte und Kieferchirurgen auch durch pseudowissenschaftliche Interpretationen von Missbildungen von Mund, Kiefer und Gesicht. Solche Untaten schmerzen mich als Angehöriger der zahnärztlichen Profession auch heute noch. Sie erfüllen mich mit Scham und machen betroffen.“

Daraus erwachse eine Verantwortung, betonte Hendges. Es sei nicht nur von großer Bedeutung, sondern schon lange überfällig, sich als Berufsstand einer unabhängigen, wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser Zeit zu stellen und die Geschehnisse dieser Jahre der unwürdigen Fehlsteuerung historisch fundiert zu dokumentieren. "Nur ein Berufsstand, der sich seiner Vergangenheit stellt, kann auch zuversichtlich in die Zukunft schauen“, verdeutlichte  Hendges abschließend.

DGZMK hat Hermann-Euler-Medaille abgeschafft

Prof. Roland Frankenberger, Vizepräsident und Präsident elect der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), erklärte in einem Statement: „Die DGZMK unterstützt diesen Forschungsansatz auch deshalb nachdrücklich, weil sie selbst zum Beispiel bis 2006 die Hermann-Euler-Medaille verliehen hat. Erst nach 2006 wurde aber bekannt, dass Euler eine maßgebliche Rolle im Nationalsozialismus zufiel. Nicht zuletzt deswegen hat auch die DGZMK ein großes Interesse an den Resultaten dieser Forschungsarbeiten.“

Anschließend führte Dominik Groß in die Fragen und Problemstellungen des laufenden Projektes ein. Er stellte initial heraus, dass die explizite Bereitschaft zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sowohl als gesellschaftliches Desiderat als auch als ein Merkmal von Professionalität und Qualitätssicherung zu werten sei. Mit der zahnärztlichen Wissenschafts- und Berufspolitik, der zahnärztliche Lehre an den Universitäten im „Dritten Reich“ sowie im Nachkriegsdeutschland benannte er die zentralen Forschungsthemen des Projekts. Auch die Rolle von Zahnärzten in Parteiorganisationen wie der SS gelte es näher zu beleuchten.

Insgesamt seien sowohl die Biografien führender Fachvertreter als auch die fachlichen Entwicklungen und Veränderungen dieser Zeit zu untersuchen. Neben der Täterforschung werde ein Schlaglicht auf Zahnärzte als Opfer der NS-Verfolgungs- und Ausgrenzungspolitik gelegt. Gleiches gelte für Zahnärzte, die sich im politischen Widerstand engagierten. Hier interessiere, welche Handlungsspielräume bestanden und wie diese von Zahnärzten genutzt wurden.

Im zweiten Teil seines Vortrages verwies Groß auf die Grenzen der gängigen Schwarz-Weiß-Einteilung in Täter und Opfer. In manchen Fällen gelinge eine solche Klassifizierung. Als Beispiel nannte er den „Täter“ Karl Pieper und das „Opfer“ Alfred Kantorowicz. Bei vielen Zahnärzten greife eine solche Zuordnung jedoch zu kurz, wie er am Beispiel der Hochschullehrer Gustav Korkhaus und Wolfgang Rosenthal zeigte. Viele Biografien seien komplex und widersprüchlich. Dies entspreche der allgemeinen Lesart von Geschichte, wie sie der Historiker Thomas Nipperdey (1927-1992) skizziert habe: „Die Grundfarbe der Geschichte ist grau, in unendlichen Schattierungen.“


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