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17.06.13 / 08:00
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Neurologische Erkrankungen belasten die Systeme

Neurologische Erkrankungen bedeuten nicht nur Leid und Verlust an Lebensqualität für die Betroffenen. Europaweit verursachen sie auch enorme Kosten.



Nicht völlig abgebrannt, aber unsere Gesundheitssysteme sind durch neurologische Krankheiten finanziell enorm belastet. © sajola - photocase.com

Wie aktuelle Studien zeigen, belasten neuropsychiatrische Erkrankungen die Volkswirtschaften Europas mit insgesamt 798 Milliarden Euro. "Die neurologischen Erkrankungen darunter haben mit insgesamt 220 Millionen Betroffenen daran einen erheblichen Anteil", betont Prof. Claudio L. Bassetti vom Universitätsspital Bern und Präsident der Europäischen Neurologengesellschaft (ENS).

Die durch Schlaganfall entstehenden Kosten werden in Europa - eingeschlossen sind in die Berechnung die 27 EU-Staaten sowie die Schweiz, Norwegen und Island - mit 64,1 Milliarden Euro beziffert, Schlafstörungen verursachen Kosten von 35,4 Milliarden Euro, so die jüngsten vom European Brain Council und der CDBE 2010 Study Group publizierten Zahlen.

Demenz ist am teuersten

Erwartungsgemäß steht die Demenz in der Liste der teuersten Krankheiten an erster Stelle. Sie verursachte 2010 in Europa Kosten von 105,2 Milliarden Euro. Teuer kommen auch Kopfschmerzen (43,5 Milliarden Euro) und Kopfverletzungen (33 Milliarden Euro).

Aber auch durch vergleichsweise seltene Erkrankungen wie Multiple Sklerose (14,6 Milliarden Euro), Morbus Parkinson (13,9 Milliarden Euro) und neuromuskuläre Krankheiten (7,7 Milliarden Euro) entstehen erhebliche Belastungen für die Gesundheitssysteme. Die Kosten pro Patient und Jahr variieren erheblich - von 285 Euro bei Kopfschmerzen bis zu 30.000 Euro bei neuromuskulären Erkrankungen.

Die Zahlen entsprechen den Prognosen der Weltgesundheitsorganisation, die davon ausgeht, dass rund ein Drittel der Belastungen durch Krankheit auf das Konto von neuropsychiatrischen Krankheiten geht.

Alte Parkinson-Patienten sind fast immer dement

Einer Untersuchung von Prof. Dr. Heinz Reichmann vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus der TU Dresden an 1.331 deutschen Parkinson-Patienten zufolge leiden rund 15 Prozent von ihnen zusätzlich an Demenz, elf Prozent an Demenz und Depression und neun Prozent an Demenz und einer Psychose. Leben Parkinson-Patienten lange genug, sind praktisch alle von Demenz betroffen.

Ein ähnliches Bild liefert die Depression, an der laut Reichmann mindestens 40 bis 50 Prozent der Parkinson-Patienten leiden, "wenngleich meist in milder bis moderater Form". Befragungen der Betroffenen zeigten: Der kognitive Verfall und die Depression verschlechtern die Lebensqualität oft mehr als die Bewegungsstörung selbst und hemmen zudem den Therapiefortschritt.

Das gilt auf weiten Strecken auch für andere Parkinson-Begleitsymptome wie Verstopfung, die bei 45 Prozent aller Parkinson-Patienten auftritt, Riechverlust (90 Prozent), Doppelt-Sehen (zehn Prozent), oder Harninkontinenz (50 Prozent).

Schlaganfall erreicht epidemische Ausmaße

Beim Schlaganfall werden in Europa jährlich zwischen 250 und 280 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner verzeichnet, in Summe um die 600.000 Schlaganfälle. Weltweit stirbt alle sechs Sekunden ein Mensch an den Folgen eines Schlaganfalls. „Wir haben es mit einer Krankheit epidemischen Ausmaßes zu tun, die uns noch immer vor viele Probleme stellt", so Prof. Dr. Guido Stoll vom Universitätsklinikum Würzburg.

80 bis 90 Prozent der Schlaganfälle und der damit verbundenen plötzlichen neurologischen Ausfallerscheinungen gehen auf eine Minderversorgung des Gehirns aufgrund von Thromben zurück, in zehn bis 20 Prozent sind Hirnblutungen die Ursache. Die intravenöse, medikamentöse Auflösung des Gerinnsels innerhalb von 4,5 Stunden nach dem Schlaganfall ist das einzige überprüft wirksame Verfahren.

Zusätzliche mechanische Eingriffe seien für viele Patienten die einzige Chance, wenn sie über acht Millimeter große, in der Regel auflösungsresistente Thromben aufweisen. "Ein minimalinvasiver Kathetereingriff zur Thrombenentfernung stellt den unterbrochenen Blutfluss in den meisten Fällen augenblicklich wieder her. Es scheint aber von ganz bestimmten Rahmenbedingungen abzuhängen, ob ein solcher Eingriff langfristig nutzt", sagt Stoll.

90 Prozent der Schlaganfallpatienten kommen zu spät in die Klinik

"Für die klinische Praxis bedeuten die neuesten Erkenntnisse, dass die intravenöse Thrombolyse vorerst die Methode der Wahl bleibt. Welche Patienten von einer zusätzlichen mechanischen Thrombenentfernung profitieren, muss sich in weiteren dringend erforderlichen klinischen Studien zeigen. Leider kommen 90 Prozent der Schlaganfallpatienten zu spät in die Klinik, so dass die Thrombolyse nicht mehr angewendet werden kann. Wir müssen deshalb alles daran setzen, um Schlaganfälle von vorne herein zu verhindern und die therapeutischen Möglichkeiten zu verbessern", betont Stoll.

Olesen J et al.: The economic cost of brain disorders in Europe. European Journal of Neurology 2012, 19: 155-162; ENS Abstract 127: The patient with advanced Parkinson's Disease; ENS Abstract 121: Thrombolysis and endovascular recanalisation in acute stroke; ENS Abstract 124: Mechanisms and treatment of brain oedema formation; New England Journal of Medicine; March 7, 2013, Chimowitz MI: Endovascular Treatment for Acute Ischemic Stroke - Still Unproven


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