sf/pm
07.05.13 / 10:29
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Polizeiruf geht an medizinischer Realität vorbei

Beim aktuellen Polizeiruf 110 verkannten die Drehbuchautoren wichtige Details des Diabetes Typ 1 und vermittelten so ein falsches Bild der Stoffwechselerkrankung.



Ungleiches Team: die pragmatische Olga Lenski und der bedächtige Horst Krause. rbb-ConnyKlein

Beim aktuellen Polizeiruf 110 vom 5. Mai 2013 spielte die Schauspielerin Catherine Flemming die Firmenchefin Michaela Stolze, die seit mehreren Jahren Diabetes Typ 1 hat. Die Symptome einer Unterzuckerung seien mit denen eines Überzuckers verwechselt worden, kritisieren Experten von diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe. In der Realität könne eine solche Verwechslung schwerwiegende Folgen haben.

In dem Sonntagabendkrimi entwendet der Sohn eines gemobbten Kollegen Michaela Stolze das lebensnotwenige Insulin, während sie nach einer langen Nacht morgens im See schwimmt. Anschließend zeigt das Opfer die deutlichen Zeichen einer Unterzuckerung: Sie scheint blass, beginnt zu zittern und bricht schließlich innerhalb weniger Minuten bewusstlos zusammen.

Unterzuckerungssymptome mit Überzuckerung verbunden

„Im Film wurden diese Unterzuckerungs-Symptome jedoch mit denen einer Überzuckerung in Verbindung gebracht“, sagt Prof. Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe. Denn den vermeintlichen Konsum von Süßigkeiten und die fehlenden Insulinspritzen stellten die Autoren als Auslöser für den Zusammenbruch der Protagonistin dar. Dabei hätte eine Insulininjektion den bereits bestehenden Unterzucker noch verschlimmert, so Danne.

Die Symptome eines zu hohen Blutzuckers hingegen seien andere: großer Durst, beschleunigte Atmung, Übelkeit und Erbrechen und schließlich Bewusstlosigkeit. Aufgrund des Insulinmangels komme es zu einer sogenannten diabetischen Ketoazidose, die zum Tod führen kann. „Sie tritt allerdings nicht - wie im Film - innerhalb von Minuten auf, sondern entwickelt sich langsam über Stunden oder sogar Tage“, klärt Danne auf. Auch wäre die Aussage eines Arztes in dem Film, dass eine krankenhauspflichtige Diabetes-Entgleisung leicht durch Essen von Kuchen oder Trinken von Cola ausgelöst werden kann, übertrieben.

Ansatzweise korrekt

Danne bedaurte, dass die Darstellung des Diabetes Typ 1 im aktuellen Polizeiruf 110 nur ansatzweise der medizinischen Realität entsprach. Korrekt wurde zum Beispiel gezeigt, dass sich Menschen mit Diabetes Typ 1 täglich mehrfach Insulin spritzen müssen. In Deutschland sind ungefähr 300.000 Menschen an Typ-1-Diabetes erkrankt, davon sind mehr als 30.000 jünger als 19 Jahre.

„Mit einer differenzierten Darstellung des Diabetes Typ 1 hätte der ‚Polizeiruf 110: Vor aller Augen‘ einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Bevölkerung leisten können“, so Danne. Denn trotz der hohen Betroffenenzahlen existierten immer noch viele Vorurteile im Umgang mit der Stoffwechselerkrankung.

Für mehr Aufklärung, eine nationale Diabetes-Strategie und eine bessere Versorgung für Menschen mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 setzt sich auch die deutschlandweite politische Kampagne Diabetes STOPPEN - jetzt! ein.
 


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