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21.11.14 / 14:32
Politik

"Hier ist man sehr NC-gläubig in diesem Land"

Wenn die älteren Hausärzte in Rente gehen, droht eine massive Versorgungslücke. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, hat eine Ursache diagnostiziert: "NC-Gläubigkeit".



In anderen Bundesländern setze man auch auf Auswahlkriterien jenseits der Abiturnote, so dass auch Bewerber Arzt werden können, die schon durch eine Ausbildung zum Pfleger oder Rettungsassistenten ihre humanitären Motive für ihre Berufswahl gezeigt hätten, sagte der Patientenbeauftragte Karl-Josef Laumann. Laumann

Der Numerus clausus (NC) spielt aus Laumanns Sicht eine zu große Rolle bei der Zulassung zum Medizinstudium. Das gelte vor allem für Nordrhein-Westfalen. "Hier ist man sehr NC-gläubig in diesem Land", kritisierte Laumann am Freitag in Düsseldorf. 

In anderen Bundesländern werde hingegen auch auf Auswahlkriterien jenseits der Abiturnote gesetzt. Dort könnten auch Bewerber zum Zug kommen, die etwa schon durch eine Ausbildung zum Pfleger oder  Rettungsassistenten humanitäre Motive für ihre Berufswahl gezeigt hätten.  

Zu wenig Mediziner gehen in den Hausarztberuf

Ein Umsteuern sei vor allem nötig, weil aus den Hochschulen viel zu wenig Mediziner in den Hausarztberuf gingen, mahnte Laumann. In NRW werde nicht einmal jeder zehnte Absolvent Hausarzt. Gleichzeitig ist nach Zahlen des Düsseldorfer Gesundheitsministeriums jeder zweite Hausarzt in NRW aber schon älter als 55 Jahre. Ohne Gegenmaßnahmen werde es mittelfristig landes- wie bundesweit eine dramatische Lücke bei der Versorgung mit Hausärzten geben, warnte der CDU-Politiker. 

Er warf sowohl der Politik als auch den Hochschulen und Kassenärztlichen Vereinigungen vor, viel zu wenig zu tun, um den Negativ-Trend umzudrehen. "Wissenschaftspolitik ist eine steuerfinanzierte Veranstaltung", stellte Laumann fest. "Das System muss liefern, was wir brauchen." 

"Das System muss liefern, was wir brauchen." 

Dies sei aber nicht der Fall. Während zu Beginn des Medizinstudiums noch jeder Dritte angebe, Hausarzt werden zu wollen, komme am Ende kaum ein Hausarzt heraus, bemängelte Laumann. So hätten 2012 fast 2900 Akademiker in NRW erfolgreich ein Medizinstudium absolviert. Im Jahr darauf seien bei den Ärztekammern aber nur rund 200 Anerkennungen an Hausärzte vergeben worden. Gleichzeitig sinke seit Jahren spürbar die Zahl der Humanmedizinstudenten und der erfolgreichen Absolventen insgesamt. 

"Die Universitäten müssen sich mehr Mühe geben, damit die Allgemeinmedizin auf Augenhöhe ist", forderte Laumann. Stattdessen gebe es aber Hochschulen, die nicht einmal mehr eine Professur für Allgemeinmedizin hätten. 

"Die Universitäten müssen sich mehr Mühe geben"

Ein zusätzliches Problem sei die ungleiche Verteilung der Hausärzte. Während es vor allem im ländlichen Raum Engpässe gebe, seien andere Regionen überversorgt. 2008 sei den Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder die Aufgabe übertragen worden, die Versorgung sicherzustellen, erläuterte Laumann. "Dann müssen sie das auch machen oder sagen: Wir können es nicht." Derzeit könne die Politik die Versorgung nicht steuern. 

Auch NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) beklagte in einer Mitteilung: "Der Bund gesteht dem Land keinerlei Planungskompetenz bei der Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung zu." Dennoch fördere die Landesregierung die Niederlassung von Hausärzten in Gebieten mit tatsächlicher oder drohender Unterversorgung mit bis zu 50 000 Euro.  

"Niemand will aufs Land" ist falsch

Das Argument, dass niemand mehr aufs Land wolle, sei falsch, unterstrich Laumann. "Wir haben keinen Mangel an Zahnärzten, Apothekern, Architekten oder Rechtsanwälten auf dem Land - nur an Hausärzten." Dies deute auf Systemfehler hin.  Dies gelte auch für die unterdurchschnittliche Vergütung nordrhein-westfälischer Kassenärzte im Bundesvergleich, die 2008 durch ein ungerechtes Punktesystem entstanden sei, kritisierte Laumann. Der Fehler soll durch ein Bundesgesetz geheilt werden, das bis Mitte nächsten Jahres verabschiedet werden soll.


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