Sonja M- Schultz
12.04.17 / 16:12
Praxis

SOS im Klinikalltag

Personalmangel, Überstunden, Schlaflosigkeit – und nicht genug Zeit für die Patientenversorgung. Die Umfrage „Ärztliche Arbeitswelten. Heute. Und Morgen.“ dokumentiert die Unzufriedenheit junger Assistenzärzte mit ihrem Arbeitsplatz.



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„Ein Fluglotse darf aufgrund seiner Verantwortung nicht länger als 6 Stunden am Stück arbeiten, wir 24 Stunden. Wo bleibt da die Logik?“ So lautet der anonyme Kommentar eines Teilnehmers der Online-Umfrage des Hartmannbundes. „Niemand möchte von einem Arzt operiert werden, der bereits 23 Stunden auf den Beinen ist.“ Ein anderer beschreibt seine Arbeitssituation in der Klinik so: „Höher. Schneller. Weiter. Ohne Rücksicht auf Verluste.“

Mehr als 1.300 Assistenzärzte haben sich zwischen Dezember 2016 und Januar 2017 an der Umfrage beteiligt. Die Teilnehmer sind größtenteils zwischen 27 bis 29 Jahre alt und stehen hauptsächlich noch am Berufsanfang (36,1% haben bis zu ein Jahr Berufserfahrung, 24,2% bis zu zwei Jahre, 20,4% bis zu vier). Der erste Kontakt mit den Arbeitsbedingungen an den Kliniken, die als Wirtschaftsbetriebe zunehmend ökonomischen Zwängen unterworfen sind, fällt für viele ernüchternd aus. 32,2% der Befragten bewerten ihre Arbeitszufriedenheit mit der Schulnote 3, 20,2% geben eine 4 - gerade einmal „ausreichend“. Ein „gut“ vergeben 29,5%, ein „mangelhaft“ 12,3%. Dabei schneiden die Unikliniken als Arbeitgeber am schlechtesten ab.

Opt-out macht unzufrieden

Die Gründe für die Unzufriedenheit sind vielfältig. Ein Blick auf die Überstunden zeigt die erhöhte Arbeitsbelastung: 36,1% kommen auf 1 bis 5 Überstunden pro Woche, 35,1% auf 5 bis 10, bei 16,4% sind es 10 bis 15 Stunden Mehraufwand. „Überstunden sind doch kostenlose Fortbildungen“ – mit dieser Haltung werden manche Assistenzärzte immer noch im Klinikbetrieb konfrontiert. Fast die Hälfte von ihnen gibt dabei an, schon einmal direkt oder indirekt vom Arbeitgeber aufgefordert worden zu sein, Überstunden nicht zu dokumentieren.

21,4% der Arbeitgeber kennen Überstunden grundsätzlich nicht an, weder wird die Mehrarbeit von ihnen vergütet, noch durch Freizeit ausgeglichen. Dass die geleistete Arbeitszeit vom Arbeitgeber objektiv und manipulationssicher erfasst wird, verneinen 65% der befragten Assistenzärzte. 39,3% von ihnen haben im Arbeitsvertrag eine Opt-Out-Regelung unterschrieben. Mit ihr kann die gesetzliche Arbeitshöchstzeit von 48 Stunden ausgehebelt werden. 

Und wieder zu spät in der Kita ... 

Auch an Pausenzeiten mangelt es oft. Nur 40,8% geben an, meist Pausen einhalten zu können, 40% selten, 14% nie. Die gesteigerte Arbeitsbelastung hat insgesamt Folgen - zum einen für das ärztliche Arbeiten, zum anderen für das Leben außerhalb der Klinik. Über 60% der Assistenzärzte stimmen der Aussage zu, dass ihr Privatleben unter der Jobsituation leidet. Das kann die Beeinträchtigung von persönlichen Beziehungen und Familie sein - oder auch die ständigen Mahnungen der Kita, weil das Kind wieder nicht rechtzeitig abgeholt wurde.

32,3% der Befragten berichten von Schlafmangel aufgrund ihrer Arbeit, 29,6% fürchten, in Zukunft gesundheitliche Beeinträchtigungen zu erfahren. 12,9% haben bereits welche. Schon einmal krank zur Arbeit gegangen sind 76,2%.

Nach Wünschen für eine ideale Wochenarbeitszeit gefragt, gibt der Großteil der Teilnehmer (45%) zwischen 35 und 40 Stunden an. Die meisten von ihnen können sich auch vorstellen, für eine gewisse Zeit mit ihrer Arbeit auszusetzen – etwa für eine längere Fortbildung, ein Sabbatical oder die Familie. Rund 90% der Assistenzärztinnen und 80% der Assistenzärzte würden sich explizit eine familiäre Auszeit nehmen. Jobsharing gegenüber sind die jungen Mediziner aufgeschlossen: Für 58,2% wäre jetzt oder später ein anderes Arbeitszeitmodell denkbar, 23,9% sagen: „vielleicht“.

Akzeptierte Gesprächsdauer: zwei bis drei Minuten

Die Umfrage „Ärztliche Arbeitswelten“ macht deutlich, wie sehr die jungen Ärzte die unzureichende Patientenbetreuung auf den Stationen als Belastung empfinden. Mehr als 74% bemängeln die Behandlungszeit, die ihnen zur Verfügung steht (32,5% vergeben hier eine 3, genau 23,8% eine 4 und 18% eine glatte 5). Jemand schreibt im anonymen Kommentar: „Es bleibt keine Zeit für eine patientengerechte Behandlung. Vertrauensbildende Patientengespräche und Angehörigengespräche sind eher eine Last. Man dreht sich den ganzen Tag wie ein Hamster im Rad, es ändert sich nichts.“

Eine Teilnehmerin schildert, wie sie als Anfängerin bis zu 21 schwerstkranke Patienten am Tag betreut, „viele von ihnen präfinal. Ich werde oft aufgefordert, mit Angehörigen nur im Vorbeigehen auf dem Gang zu reden. Die akzeptierte Gesprächsdauer: zwei bis drei Minuten. Manche Kollegen verstecken sich regelrecht vor den Angehörigen".

Andere berichten, dass aus ökonomischen Gründen Patienten entlassen werden müssen, die noch nicht gesund sind. Der wirtschaftliche Druck wird bis in die Krankenzimmer getragen: „Wir haben eine Fallmanagerin, die jeden Tag mehrmals zu uns kommt und detailliert fragt, warum der Patient noch da ist.“

„Mehr Personal. Mehr Personal. Mehr Personal.“

Wie sieht die Personaldecke an den Kliniken aus? „Nicht ausreichend“ sagen 64,1% der Befragten. Dabei empfinden die Jungmediziner vor allem den hohen Dokumentationsaufwand als frustrierend. 34,7% von ihnen benötigen bis zu drei Stunden am Tag für die Dokumentation, 36,5% sogar mehr. „Mehr Sekretärin als Arzt“ - so lautet ein Kommentar. Und: „Verschwendung der Ressource ‚Ärztliche Arbeitszeit‘“. Die Mediziner wünschen sich Entlastung: durch das Delegieren von bürokratischen Aufgaben und durch den Einsatz von digitalen Anwendungen, die mehr Effizienz versprechen.

Im Bereich der elektronischen Hilfsmittel zeigen sich viele Abteilungen allerdings immer noch als wenig fortschrittlich. 37,2% bewerten die technische Ausstattung an ihrem Arbeitsplatz mit der Note 3, 22,8% mit einer 4, 15% mit 5. Den vielfach gewünschten Trend zum vollständig papierlosen Krankenhausinformationssystem erleben bislang nur 18,8% der Befragten als Realität.

Auch im Bereich der ärztlichen Weiterbildung scheint es noch viel Luft nach oben zu geben: Die Mehrzahl der Umfrage-Teilnehmer sieht sich nicht gut eingearbeitet (27,8% vergeben eine 3, 24% eine 4, 25,5% eine 5). Und 67,9% erklären, dass es bei ihnen keine strukturierte Weiterbildung mit definierten Jahreszielen gäbe. 

Assistenzärzte lassen sich zu viel gefallen

„Ich muss sagen, dass mich das, was wir in dieser Umfrage konkret erfahren haben, doch sehr erschüttert hat“, gesteht Dr. med. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes. „Das geht nicht mehr lange gut.“ Aber die Reaktion auf die schwierige Lage an den Kliniken dürfe sich nicht in der Larmoyanz des Klagens erschöpfen, sagte Reinhardt beim kürzlich abgehaltenen Symposium für Assistenzärzte „Ärztliches Arbeiten 4.0“.

Der Hartmannbund möchte zukünftig mit Krankenhausträgern nicht nur über Gehälter, sondern auch über Arbeitsbedingungen sprechen. Gefragt sind allerdings vor allem die Jungmediziner selbst – sie sind es, die langfristig Strukturen verändern können, wenn sie sich dafür einsetzen.

Assistenzärzte lassen sich zu viel gefallen. Wir sitzen aber am längeren Hebel“, urteilte eine Teilnehmerin des Symposiums. „Keiner sieht sich in der Verantwortung, die Missstände tatsächlich in der Morgenrunde anzusprechen. Stattdessen gehen die Leute irgendwann frustriert.“

Ist also mehr Eigenverantwortung die Lösung? Oder sind die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse im Klinikalltag doch komplexer? Zumindest in der Umfrage sprechen die Wünsche der jungen Mediziner eine klare Sprache: „Schluss mit den 24 Stunden-Diensten“, heißt es da. „Entzerren der Dokumentationswut.“ - „Die gesetzlichen Höchstarbeitszeiten und Pausenregelungen müssen eingehalten werden.“ Und immer wieder: „Mehr und ausreichend Zeit für Patienten und deren Angehörige.“
 
 


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