Hanna Hergt
28.08.15 / 13:26
Zahnmedizin

Amalgamdiskussionen sind oft Quecksilberdiskussionen


Das Problem ist die Kremierung

Es gibt nur einen Problempunkt: Die Hälfte der dentalen Quecksilberbelastung, die insgesamt nur 0,1 Prozent der gesamten Quecksilberumweltbelastungen ausmacht, wird durch Kremierung verursacht. Auf 1.000 Grad erhitzt, zerlegt sich Amalgam in seine Einzelbestandteile und setzt Quecksilber frei. In Entwicklungsländern etwa, wo Angehörige oftmals rituell auf dem Feuer bestattet werden, ist dies ein größeres Thema als in den abendländischen Teilen der Welt, wo Erdbestattungen üblicher sind beziehungsweise Krematorien über Quecksilberabscheider verfügen.

Selbst das Umweltbundesamt empfiehlt, Energiesparlampen mit stabilem Amalgam statt mit Quecksilber als Katalysator auszustatten. Dann besteht nicht die Gefahr, dass Quecksilber austritt, wenn die Lampe zu Bruch geht, denn Amalgam ist aus Umweltsicht erheblich harmloser als reines Quecksilber.

"Wir Zahnmediziner stehen, was die Umwelt angeht, völlig zu Unrecht im Fokus."

Bei der Quecksilberproblematik stehen wir Zahnmediziner, was die Umwelt angeht, völlig zu Unrecht im Fokus. Bei der Kunststoffproblematik ist es zum Glück nicht so, dass sich Politik und Presse primär auf zahnärztliche Komposite konzentrieren, sondern ganz allgemein auf die in vielen Plastikprodukten enthaltene hormonartig wirkende Substanz Bisphenol A. Diese wird aber auch aus Versiegelungen und Kompositfüllungen in Speichel und Urin freigesetzt, wie neue Studien belegen.

Kürzlich hat Schweden mit einer Klage gegen die EU gedroht, um die Kommissionen, die dafür zuständig sind, zum Beispiel das Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks (SCENIHR), auf die Gefahren von Weichmachern in Plastik hinzuweisen. Im Pazifik hat sich mittlerweile Plastikmüll in der Größe Europas angesammelt. Plastiktüten an sich sind eher harmlos - bis sie dann in Feinstpartikel zerfallen. Diese gelangen in den Nahrungskreislauf und können dort endokrine Wirkungen hervorrufen und weiter verstoffwechselt werden zu möglicherweise problematischen chemischen Verbindungen.

Die EU hat im Januar 2015 die maximale Aufnahme von Bisphenol A pro Tag pro Kilogramm Körpergewicht von 50 auf vier Mikrogramm heruntergesetzt, also auf ein Zwölftel reduziert. Allerdings existiert noch keine evidenzbasierte Untersuchung, aber - nicht nur in der Zahnmedizin - besteht hier erheblicher Forschungsbedarf. 

"Das allergene Potenzial von Kunststoff ist deutlich größer als das von Amalgam!"

Lässt sich dies auch im Hinblick auf gesundheitliche Auswirkungen von Kompositen sagen?

Ein großes Thema sind die Allergien: Der Münchner Dentaltoxikologe Prof. Franz-Xaver Reichl hat Hunderte von Fällen dokumentiert, in denen Patienten nachweislich durch zahnärztliche Komposite Allergien entwickelt und in Einzelfällen anaphylaktisch reagiert haben.

Das allergene Potenzial von Kunststoff, also auch von Kompositen, ist generell deutlich größer als von Gold oder Amalgam. Die amerikanische wissenschaftliche Gesellschaft für Kindermedizin empfiehlt bei Schwangeren, wegen einer möglichen östrogenen Wirkung, von Kunststofffüllungen abzusehen.


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Kommentare

Leserkommentare (5)

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Mathias Jancke
02.10.15 / 10:12
Ökonomische Gründe

Viele Kollegen führen sogenannte amalgamfreie Praxen. Das funktioniert besonders vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion als Herausstellungsmerkmal. Der Grund ist aber auch ein ökonomischer.
Wenn ich für eine gute Amalgamfüllung 30 Minuten Arbeitszeit benötige und eigentlich noch einen zusätzlichen Termin für die Politur vergeben muss, dann bin ich hoffnungslos unwirtschaftlich. Die Praxiskosten für diese Zeit betragen mindestens das Doppelte der Einnahmen.
Welcher Unternehmer würde das freiwillig tun? Da kommt mir doch die Amalgamdiskriminierung gerade recht.

Dr. Mathias Jancke
Hamburg


Thomas Weber
24.09.15 / 15:22
Wohltuend sachlich, Herr Professor.

Danke dafür.

Was wird erst ein Aufschrei durch die Republik hallen, wenn die Patienten und ihre Behandler die Gefährlichkeit von TEGDMA, UDMA, HEMA und Bisphenol-A entdecken...

Als Landzahnarzt mit einer ländlichen Klientel bin ich oft dankbar, dass es noch Amalgam gibt.

Etliche Medikamente sollten auch nicht einfach im Abwasser entsorgt werden... Im sachgerechten Umgang liegt ihr gesundmachendes Potenzial.

Grüße vom Lande


Dr. Dr. Ernst Heissler
04.09.15 / 19:35
Amalgam belastet den Organismus mit Hg

Sieht man nur den Zahn und beschränkt man den Horizont darauf, dann mag Amalgam super sein. Es ist eindeutig nachgewiesen, dass Amalgamfüllungen zu einem Anstieg der Hg Konzentration in inneren Organen (u.a. dem Hirn) führt. Es ist ein Schwermetall, das für den Menschen keinen Nutzen hat und das daher aus der Umgebung des Menschen verbannt wird. Natürlich führt es nicht zu einer symptomatischen Quecksilbervergiftung. Es ist aber sicher schädlich. Man hat aus Kraftstoffen das Blei auch verbannt, obwohl davon niemand eine Bleivergiftung bekommen hat.
Wie erklären Sie Ihren Patienten, dass Sie ein Material verwenden, das so gefährlich ist, dass es bei der Entfernung aus dem Abwasser abgetrennt werden muss.
https://edoc.ub.uni-muenchen.de/157/1/KeesAigner_SilviaBeatrix.pdf
Hier werden WHO Grenzwertüberschreitungen durch Amalgamfüllungen nachgewiesen
http://toxcenter.org/artikel/Amalgam-Kaugummitest-erschreckende-Werte.pdf

Keine Ideologie. Lesen Sie besser die Literatur!!


Dr. Hans-Werner Bertelsen
03.09.15 / 10:45
Für einen nationalen Amalgam-Ausstiegsplan

Der Hauptkritikpunkt ist in der ZM bis dato leider unerwähnt: Das Amalgam bedient große Teile der CAM-, der Heilpraktiker- und der Scharlatanerie-Szene mit einträglichen Entgiftungskonzepten. Unendliches Leid wird erzeugt - besonders bei Tumorpatienten, denen eingeredet wird, sie seien Schuld an ihrer eigenen Vergiftung.

Die Verwendung von Amalgam ist in Europa sehr unterschiedlich. Meine Meinung ist: Was die Skandinavier können, muss auch in Deutschland möglich sein. Daher fordere ich einen nationalen Ausstiegsplan.

Ich habe dieses in einem aktuellen Artikel der ZEFQ (Deutsches Netzwerk für evidenbasierte Medizin) konkretisiert:

http://www.dr-bertelsen.de/documents/ZEFQ_1540.pdf


Dr. gerd brösgen
29.08.15 / 09:33

Was lange hält, das bringt kein Geld (für die Pharmawirtschaft) - deshalb hin zum Verbot.

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