Stefanie Feierabend
04.03.15 / 14:00
Zahnmedizin

Der Fall: Die Milchmolaren bröckeln

Eigentlich war die Prophylaxe bei der Fünfjährigen perfekt: Zähneputzen, Fluoridierung, wenig Zuckerimpulse - alles klappte. Trotzdem bröckelten die Milchmolaren.




Ein fünfjähriges Mädchen kam mit Schmerzen an verschiedenen Milchzähnen zum zahnärztlichen Notdienst. Die Eltern berichteten, dass sie neben den regelmäßigen Untersuchungen in der Schule auch halbjährliche zahnärztliche Kontrolluntersuchungen wahrgenommen hatten und nun mehr als überrascht seien über die plötzlich auftretenden Schmerzen.

Die Anamnese deutete auf eine durchaus sehr gute Mundhygiene hin (zwei- bis dreimaliges Zähneputzen täglich, Nachputzen durch die Eltern, wenige Zuckerimpulse pro Tag). Ebenso wurde auf eine regelmäßige Fluoridierung mittels fluoridhaltiger Kinderzahnpasta und beinahe täglicher Speisesalz-Fluoridierung geachtet.

Kariöse Läsionen oder andere Auffälligkeiten an den Zähnen beziehungsweise in der Mundhöhle waren laut Aussage der Eltern bisher nicht aufgetreten. Einzig das tief inserierende Lippenbändchen im Oberkiefer, das zum Diastema der oberen mittleren Milchschneidezähne (Abbildung 1) beitrug, war mehrfach diskutiert worden. Ein Entschluss zur Intervention war aber noch nicht gefasst worden.

Klinischer Befund

Die Patientin wies ein vollständiges Milchgebiss auf. An einer für eine Karies untypischen Lokalisation, distobukkal an Zahn 75, zeigte sich eine großflächig eingebrochene Läsion (Abbildung 2). Eine weitere, ebenfalls eingebrochene Läsion befand sich an Zahn 85 okklusal, somit an einer auch für die Karies üblichen Lokalisation (Abbildung 3). Zahn 65 wies im Vergleich eine ungewöhnlich Opazität auf (vergleiche Abbildung 7 nach Durchbruch von Zahn 26). Zahn 55 zeigte keinerlei klinische Besonderheiten.

Auffallend war weiterhin eine deutliche Opazität (milchig-weiß bis gelblich) auf der Labialfläche von Zahn 53 (Abbildung 4). Zahn 63 war nicht betroffen (Abbildung 5), ebenso wenig die Zähne 73 und 83. 

Diagnose

Aufgrund der größtenteils ungewöhnlichen Lokalisationen der Läsionen sowie den Opazitätsveränderungen wurde die Diagnose einer Milchmolaren-Hypomineralisation gestellt.   

Differenzialdiagnosen

a) Karies: Auch wenn Zahn 85 eine relativ typische Lokalisation, inklusive eingebrochener Oberfläche, für eine Karies aufwies, wurde diese ausgeschlossen, da die Summe der weiteren Befunde eher für eine Milchmolaren-Hypomineralisation sprach. Da aber nicht auszuschließen ist, dass der Einbruch der Oberfläche an Zahn 85 schon vor längerer Zeit stattgefunden hat, ist die Entstehung einer Sekundärkaries möglich, jedoch nicht die primäre Ursache.

b) Fluorose: Eine Fluorose im Milchgebiss ist sehr selten und hat ein anderes klinisches Bild als bei der dargestellten Patientin. Neben dem eher auftretenden klinischen Bild der meist zunächst linien-/wolkenförmigen Strukturveränderungen wäre es zusätzlich wahrscheinlicher, dass die zweiten Milchmolaren gleichmäßiger betroffen sind. Zudem wies die Fluoridanamnese auf keinen übermäßigen Einsatz dieser hin.

c) Amelogenesis imperfecta: In der Regel betrifft die Amelogenesis imperfecta alle Zähne beider Dentitionen. Weiterhin ist der Ausprägungsgrad an allen Zähnen verhältnismäßig gleich. Im vorliegenden Fall spricht somit gegen eine Amelogenesis imperfecta, dass nur einzelne Zähne betroffen sind, die restlichen Zähne aber – zumindest klinisch – normal gebildet erscheint.

Hinzu kommt, dass die Familienanamnese keinen Fall irgendeiner ähnlichen Erkrankung der Zähne aufweisen konnte. Zwar kommt die Amelogenesis imperfecta gelegentlich als Neumutation vor, so dass der betroffene Patient tatsächlich der erste in der Familie ist. Der klinische Befund dieser Patientin entsprach jedoch weitestgehend der Definition der Milchmolaren-Hypomineralisation, so dass eine andersartige Erkrankung ausgeschlossen wurde (siehe auch Erläuterungen zum Therapieentscheid).


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