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19.01.16 / 10:25
Zahnmedizin

Der horizontale Schwund bleibt die Herausforderung!

Der Paradigmenwechsel in der Parodontisbehandlung ist das Thema von Prof. Nicole Arweiler (Marburg) auf dem Hamburger Zahnärztetag. Hier schildert sie, was man heute im Gegensatz zu früher anders macht und wo die Forschung steht.




Frau Prof. Arweiler, ist Parodontitis eine deutsche Volkskrankheit?

Prof. Nicole Arweiler: Mit ihrer sehr hohen Prävalenz in Deutschland und weltweit ist Parodontitis sicher nicht nur im Jahr 2016, sondern schon seit Jahren eine Volkskrankheit - auch wenn dies so nicht im Bewusstsein der Bevölkerung und auch der Gesundheitspolitik präsent ist. Selbst in Medizinerkreisen oder in den Gesundheitsreporten der Krankenkassen merke ich immer wieder, dass man sich schwer tut, die Parodontitis als „Volkskrankheit“ anzuerkennen. Ganz zu schweigen von den Wechselwirkungen, die die Parodontitis mit anderen „Volkskrankheiten“ wie zum Beispiel Diabetes hat.

Parodontitis hat bereits vor über 100 Jahren Zahnärzte und Ärzte beschäftigt - was wusste man damals darüber?

Mit Zahnfleischschwund oder der akuten Entzündung in Zahnfleischtaschen, die damals noch als Alveolar-Pyorrhoe bezeichnet wurde, haben sich Zahnärzte schon vor über 100 Jahren beschäftigt. In diesem Zusammenhang ist äußerst interessant, dass bereits der Zahnarzt Robert Neumann 1912 in Berlin erkannt hat, dass seine Patienten mit Alveolar-Pyorrhoe häufig auch andere Erkrankungen wie Lues, Gicht, Herzkrankheiten und vor allem Diabetes hatten.

"Neumann hat einen Meilenstein gesetzt, der 100 Jahre vergessen wurde!"

Er hat diese dann bezüglich ihres Allgemeinleidens von Internisten „Hand in Hand“ - wie er in seinem Buch schreibt - behandeln lassen und dabei eine deutliche Verbesserung des Mundzustandes beobachtet. Er hat damit einen Meilenstein gesetzt, der offensichtlich 100 Jahre vergessen wurde, wenn man erst heute von dem „aktuellen“ Thema „Interdisziplinarität“ spricht.

Während aber noch vor wenigen Jahrzenten sehr viel vom entzündeten parodontalen Gewebe „weggeschnitten“ wurde, wissen wir heute viel mehr um die Ursachen und das mögliche Heilungspotenzial, so dass wir derzeit vor allem „antiinfektiös“ vorgehen und weitaus schonendere Maßnahmen bevorzugen. 

Ein neuer, sehr wichtiger Aspekt ist mittlerweile aber die Prävention, indem wir Parodontitis gar nicht erst entstehen lassen. Dazu dürfen frühe Anzeichen - wie zum Beispiel eine Gingivitis - nicht nur als „Kavaliersdelikt“ registriert, sondern müssen aktiv therapiert werden.

Was ist bei der interdisziplinären Arbeit essenziell, um Parodontitis zu managen?

In den letzten Jahren ist bereits bei Ärzten als auch bei Patienten sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet worden, um die Parodontitis nicht nur als ein dentales oder ästhetisches Problem zu betrachten, bei dem „halt der ein oder andere Zahn verloren geht“, sondern dass diese chronische Erkrankung zahlreiche Folgen für den Gesamtorganismus hat oder auch mit anderen Erkrankungen in gegenseitige Wechselwirkungen tritt.


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