Susanne Theisen
22.06.15 / 11:55
Zahnmedizin

Do-it-yourself-Dentistry in Großbritannien

Immer mehr Menschen in Großbritannien reparieren laut Medienberichten ihre defekten Zähne selbst. Angeblich, weil ihnen das Geld fehlt, um den Zahnarzt zu bezahlen. Doch eine Patientenberaterin widerspricht.




Die „Do-it-yourself-dentistry“ ist auf dem Vormarsch, heißt es in dem Artikel in The Guardian. Zitiert wird unter anderem eine Mitarbeiterin der kommunalen Hilfsorganisation "Star Project" im schottischen Paisley: "DIY-Zahnmedizin ist in unserer Gegend recht verbreitet. Dafür genutzt werden Erste-Hilfe-Kits für Zahnunfälle, die man in Drogerien kaufen kann. Viele Menschen kümmern sich damit um die Zähne ihrer ganzen Familie", sagt Emma Richardson und beruft sich auf eine lokale Umfrage ihrer Organisation. Landesweite Studien, die diesen Trend belegen, gibt es bisher nicht.

Zement und Spritze aus dem Supermarkt

Produkte, mit denen man eine Füllung reparieren kann, bekommt man in Großbritannien in Supermärkten, Drogerien oder Online schon für drei Pfund (umgerechnet circa vier Euro). Umfangreichere Kits kosten rund 18 Euro. Die Ausrüstung reicht von Sets, die aus einem einfachen Kunststoffapplikator und Zement bestehen, bis hin zu Boxen, die außerdem Eugenol, Multifunktionswerkzeuge, Phiolen für ausgefallene Zähne und Mundspiegel enthalten. Manche Produkte liefern auch gleich sterile Spritzen mit, damit man sich in Ländern, in denen diese schwer zu bekommen sind, von einem lokalen Zahnarzt behandeln lassen kann. 

„Erste-Hilfe-Kits haben durchaus eine Berechtigung“, erklärt Karen Coates, Patientenberaterin bei der British Dental Health Foundation (BDHF), auf unsere Nachfrage. „Wenn man im Urlaub ist oder ein wichtiges Meeting hat und sich deshalb nicht sofort wegen eines abgebrochenen Zahns oder einer kaputten Brücke behandeln lassen kann, können Patienten damit die Zeit bis zum Termin bei ihrem Zahnarzt überbrücken.“ 

Als permanente Lösung seien Erste-Hilfe-Produkte jedoch auf keinen Fall geeignet, betont die BDHF-Mitarbeiterin. Der Foundation liegen ihrzufolge auch keine Hinweise vor, dass es einen Trend zur DIY-Zahnmedizin gibt. „Man hört zwar immer wieder Anekdoten, aber weder meine Kollegen noch ich hatten bisher jemanden am Telefon, der sich selbst behandelt“, so Coates.

NHS - günstiger als viele denken

Im Gegensatz dazu spricht die Patientenberaterin nach eigenen Angaben oft mit Menschen, die sehr überrascht sind, wenn sie ihnen erklärt, wieviel zahnmedizinische Behandlungen innerhalb des National Health Service (NHS) kosten. „Viele rechnen damit, dass sie tausend Pfund bezahlen müssen. Aber es ist bei Weitem nicht so teuer“, berichtet Coates. 

Im NHS gibt es drei Kostenkategorien für den Zahnarztbesuch: Zu Kategorie eins gehören beispielsweise präventive Maßnahmen und Notfälle. Dafür zahlen Patienten rund 26 Euro. Kategorie zwei liegt bei etwa 72 Euro und umfasst unter anderem Wurzelkanalbehandlungen, Füllungen und Extraktionen. Für Behandlungen der Kategorie drei, dazu zählt die Anfertigung von Brücken, Gebissen oder Kronen, werden Patienten 309 Euro berechnet. Diese Pauschalen müssen pro Behandlungszyklus nur einmal bezahlt werden, egal wie viele Füllungen oder Kronen gemacht werden.

„Wer Arbeitslosengeld oder andere Unterstützung vom Staat erhält, muss in der Regel nichts bezahlen. Menschen mit niedrigem Einkommen können einen Teilerlass beantragen“, erklärt Coates. „Natürlich gibt es trotzdem viele Leute, die knapp kalkulieren müssen. Aber der Zahnarzt ist nicht das Teuerste, was man sich leisten kann. Das ist dann auch eine Frage der persönlichen Gewichtung.“

"Die Kosten sind oft nur ein Vorwand!" 

Nach ihrer Einschätzung sind nicht die hohen Kosten dafür verantwortlich, dass viele Menschen den Besuch beim Zahnarzt meiden. „Ich glaube, das ist oft nur ein Vorwand. Eigentlich steckt die Angst vor dem Zahnarzt dahinter“, sagt sie. 

Emma Richardson vom Star Project hat die Erfahrung gemacht, dass auch Scham ein Grund ist fernzubleiben. „Aus unserer Umfrage geht hervor, dass es vielen Leuten unangenehm ist, das Formular für die kostenfreie Behandlung auszufüllen“, erklärt sie im Guardian-Interview. „Sie lassen sich stattdessen lieber von Freunden helfen, weil sie dann keine Angst haben müssen, als Schmarotzer vorverurteilt zu werden.“


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