Sonja Schultz
11.03.15 / 08:00
Zahnmedizin

Ein Zahnfossil schreibt unsere Geschichte neu

Ein Kieferstück mit fünf Zähnen und zwei aktuelle Studien werfen neues Licht auf die Ursprünge der Menschheit. Die Gattung Homo ist 400.000 Jahre älter als gedacht. Mehr zu dem spektakulären anthropologischen Fund.




Wie Detektive sind die evolutionären Anthropologen unserer Frühgeschichte auf der Spur. Zwei Forschungsgruppen veröffentlichten jetzt zeitgleich neue Erkenntnisse zur Entstehung der Gattung Homo und zu einer Frühmenschenform, dem Homo habilis. Grundlage beider Studien: die Fragmente zweier Unterkiefer.

Der Evolution auf den Unterkiefer fühlen

Es ist ein acht Zentimeter langes Kieferstück mit fünf Zähnen, durch das die bislang bekannte Geschichte unserer Artwerdung neu geschrieben werden muss. Das in zwei Teile zerbrochene Fossil aus dem linken Unterkiefer eines erwachsenen Individuums wurde in der Afar-Senke Äthiopiens entdeckt - dem Gebiet Nordostafrikas, aus dem auch berühmte Ausgrabungen wie das Skelett des aufrecht gehenden Vormenschen „Lucy“ aus der Gattung Australopithecus stammen.

„Lucys“ Alter wird auf rund 3.2 Millionen Jahre geschätzt. Den neu entdeckten Unterkiefer datieren US-amerikanische Forscher auf 2.8 Millionen Jahre. Er wird damit zum ältesten Beleg der Gattung Homo, dem Vorgänger der Homo sapiens, und lässt die Spur der Menschwerdung 400.000 Jahre eher beginnen als bislang angenommen.

Unsere Geschichte beginnt 400.000 Jahre früher

Ein Anthropologen-Team rund um Brian Villmoare von der University of Nevada stellte die Entdeckung im Wissenschaftsmagazin „Science“ vor. Vorläufig trägt das Fossil den Namen LD 350-1. Ob es einer bereits bekannten Homo-Art zugeordnet werden kann oder einer noch unbekannten entstammt, ist unklar. Zumindest bis es der Forschungsgruppe gelingt, weitere Geheimnisse des Kieferfragments zu entschlüsseln. 

Der Kiefer: Bindeglied zwischen Lucy und Homo

LD 350-1 fungiert als evolutionäres Bindeglied zwischen den affenähnlicheren Australopithecinen vom Schlage „Lucys“ und der Gattung Homo. Archaische Merkmale wie die geneigte Kinnform sind den Vormenschen zuzuordnen. Gleichmäßige Kieferknochen und dünnere Backenzähne wiederum verweisen auf eine modernere Frühmenschenform. Der äthiopische Fund vereint beides. Das Kieferfragment gehörte also noch keinem direkten Vorfahren des Homo sapiens. Aber auf dem weit verzweigten Entwicklungsbaum verschiedener Hominiden-Arten weist es bereits in unsere Richtung.

Detektivische Forschungsarbeit auf den Spuren der Menschheitsgeschichte wird auch am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und dem University College London geleistet. Mittels modernster bildgebender Verfahren wie 3-D-Bildgebung untersuchte ein internationales Team unter der Leitung von Fred Spoor ein weiteres Fossil: die um 1959/1960 in der Olduvai-Schlucht im Norden Tansanias entdeckten Knochenreste, die damals die Bezeichnung OH 7 erhielten (Olduvai Hominid 7).

Unterkiefer und Schädel vom geschickten Menschen

Der 2.4 Millionen Jahre alte Fund, bestehend aus einem versteinerten Unterkiefer, Schädeldeckenteilen und Handknochen einer einzelnen Person, wurde als Homo habilis, der „geschickte Mensch“, bekannt. Anatomisch steht er zwischen den Australopithecus-Varianten und dem Homo erectus, der als direkter Urahn des modernen Menschen gilt.

Dem Originalfossil OH 7, das nur fragmentarisch erhalten und teils verzogen ist, rückten die Evolutionsforscher in Leipzig nun mit Computertomografie und anschließender Neuordnung und Ergänzung der digitalisierten Einzelteile zu Leibe. Die virtuell rekonstruierten Knochen und die daraus abgeleitete mögliche Kopfform verglichen sie mit anderen Fossilienfunden aus menschlicher Frühzeit. Die im Magazin „Nature“ veröffentlichte Studie zur „digitalen Wiedergeburt“ der Fundstücke hält vor allem zwei Erkenntnisse fest.

Die erste: Vor 2.1 bis 1.6. Millionen Jahren existierten drei verschiedene menschliche Arten nebeneinander: Homo habilis, Homo erectus und Homo rudolfensis. Ihre Kieferformen weisen erhebliche Gestaltunterschiede auf. Diese seien manchmal so groß „wie die Unterschiede zwischen Schimpansen und heute lebenden Menschen”. Das erklärt Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, einer der maßgeblich Beteiligten der Studie.


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