Consuela Codrin
31.03.16 / 10:00
Zahnmedizin

Es werde Licht?! Zahnaufhellung kritisch gesehen

Der unabhängige Dachverband CED (Council of European Dentists) rät seit Mai 2015 von lichtaktivierter Zahnaufhellung ab. Zahnärztin und Fachjournalistin Consuela Codrin beleuchtet Für und Wider dieser Empfehlung - und kommt zu einem klaren Ergebnis.



Blaues Licht kann nicht nur für die Polymerisation von Kompositen, sondern auch bei Zahnaufhellungen verwendet werden. Consuela Codrin

PRO

Ich will hellere Zähne haben, aber nicht viele Tage mit Schienen herumlaufen. Aufhellung mit Licht - das leuchtet ein. Laut einiger Hersteller soll durch Licht die Zahnaufhellung intensiver, effektiver und schneller vonstatten gehen. Fotoinitiatoren werden im Bleich-Gel aktiviert oder das Gel wird einfach nur erwärmt. Ein wärmeres Gel führe zu einem schnelleren Bleichprozess, heißt es in einem Interview der DGÄZ (Deutsche Gesellschaft für ästhetische Zahnmedizin e.V.) mit einem Bleaching-Experten.

Und was sagt die Literatur? Nicht allein das Licht, sondern auch die Konzentration an Wasserstoff- oder Karbamidperoxid im Bleich-Gel ist für Dentin-Hypersensibilitäten verantwortlich. Meist beträgt die Peroxid-Konzentration 25-38 %. Wenn weniger als 20 % eingesetzt werden, ist das unmittelbare Aufhellungsergebnis mit Licht besser als ohne (1). Die Effektivität kann mit Lichtaktivierung gesteigert werden, allerdings steigt auch die Empfindlichkeit (2). Vorsicht ist also geboten, um Schmerzen zu vermeiden. So müssen alle zu bleichenden Zähne gesund sein, damit das Bleich-Gel nicht in tiefere Schichten des Zahnes eindringt. Dieser Rat gilt aber auch beim Aufhellen ohne Licht.

Experten meinen, dass Bleich-Gel und Lichtquelle zusammenpassen müssen und strikt nach Empfehlungen des Herstellers angewendet werden sollen (3). Dann gebe es keine negativen Überraschungen. Wenn Aktivatoren des Gels und eingesetzte Wellenlänge stimmig sind, entwickle sich weniger Wärme am Zahn. Die meisten Produkte am Markt sind LED-Lampen mit kurzwelligem blau-grünem Licht (zwischen 350 und 550 nm). Nach oder auch vor der Anwendung werden Pasten empfohlen, die Überempfindlichkeit (DHS) vorbeugen sollen.

Auf der Seite eines renommierten Anbieters von Bleichsystemen sind die Ergebnisse einer Konsumentenbefragung nachzulesen. Demnach vertraut fast die Hälfte der Patienten auf ein besseres Bleichergebnis mit Lichtanwendung als ohne. In „Dental Beauty Spas“ werden unterschiedliche Systeme mit Lichtverstärkung verwendet, das Ganze wirkt durchaus seriös. Auch Artikel in angesehenen Zeitschriften bewerten Bleaching mit Licht differenziert, warnen nicht eindeutig davor. Warum sollte ich also nicht auf die vielfältigen Informationen vertrauen und meine eigenen Erfahrungen machen?

CONTRA

Ich habe mich umgehört. Zwei Freunde berichteten von schlimmen Zahnschmerzen nach dem Bleichen - ohne Licht. In der ersten Nacht konnten sie nur mit Schmerztabletten schlafen. Drei bis vier Tage nach der Zahnaufhellung waren immer noch vereinzelte Hypersensibilitäten präsent. Natürlich ist es denkbar, dass die Zähne meiner Freunde besonders empfindlich sind oder ihre Behandler beim Befund etwas übersehen haben. Aber: Wenn schon ohne Licht solche Probleme auftreten können, will ich mir nicht vorstellen, wie sich aufgehellte Zähne nach Lichtaktivierung anfühlen.

Die Stellungnahme des europäischen Zahnärzteverbands CED hat vielleicht doch ihre Berechtigung. Ich schaue mir also aktuelle Studien (4) an: Dort werden Zweifel geäußert, ob Licht überhaupt einen signifikanten Effekt hat (5, 6). Da es aber bei diesem Thema keine Übereinstimmung zu geben scheint (siehe Pro-Abschnitt), interessiert mich die Verträglichkeit von Lichtverstärkung, vor allem die Dentinhypersensibilität.

Auch hier gibt es zum Teil widersprüchliche Ergebnisse. In einer aktuellen Studie wurden Bleichmittel mit 15 oder 35 % Wasserstoffperoxid, jeweils kombiniert mit Licht, und 35 % H2O2 ohne Licht verglichen (randomisiertes Studiendesign) (7). In der Gruppe mit Licht und 15 % H2O2 nahm die Empfindlichkeit am wenigsten zu, nach einer Woche gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. Eine weitere, in diesem Jahr in der Quintessence International veröffentlichte Studie zeigte für Laser- oder LED-Licht-Anwendung zusammen mit 35 % Wasserstoffperoxid-Gel erhöhte Temperaturen an der Schmelzoberfläche (plus 5,3 Grad), aber keine gesteigerte Dentinempfindlichkeit im Vergleich zur Kontrolle (35 %  H2O2) (8).

Erhöhte Empfindlichkeit

Spielt das Licht also doch keine Rolle? Die systematische Literaturübersicht einer Arbeitsgruppe um Professor Andrej Kielbassa (Universität Krems, Österreich) steht dem entgegen: Lichtverstärkung erhöht sehr wohl das Risiko für Dentinüberempfindlichkeit (9). Zwar sind darin die neuesten Studien nicht berücksichtigt, aber der unter „Pro“ genannte Artikel im renommierten Journal of the American Dental Association (JADA) kommt ebenfalls zu diesem Ergebnis (2). Eine weitere randomisierte Studie zeigt, dass in der Praxis gebleichte Zähne mit oder ohne Lichtaktvierung nach mehreren Wochen genau denselben Weiß-Ton besitzen (jeweils mit 25 % H2O2, gefolgt von 10 % nächtlichem Bleichen mit Schienen) (10).

Licht macht also für das langfristige Endergebnis bestenfalls in Bezug auf die Bleichgeschwindigkeit Sinn. Zugleich besteht der begründete Verdacht, dass lichtaktivierte Zahnaufhellung Schaden verursacht. Dazu zählt vor allem Dentinüberempfindlichkeit, wobei individuelle Risikofaktoren in den Studien meist nicht benannt werden. Daher zieht die CED mit ihrer Empfehlung die Vorsichtsbremse. Ich schließe mich dieser Einschätzung an und lehne für mich selbst, vor allem aber für meine Patienten Lichtaktivierung ab. Für das bestehende Risiko sind mir gesunde Zähne viel zu wertvoll.

Der CED (Council of European Dentists) vertritt als nicht gewinnorientierter Dachverband 32 nationale Zahnarztverbände und -kammern mit über 340.000 praktizierenden Zahnärztinnen und Zahnärzten in 30 europäischen Ländern. Er wurde 1961 gegründet, um die Europäische Kommission bei Angelegenheiten, die den zahnärztlichen Berufsstand betreffen, zu beraten.

Quellen

  • 1. He LB, Shao MY, Tan K, Xu X, Li JY. The effects of light on bleaching and tooth sensitivity during in-office vital bleaching: a systematic review and meta-analysis. Journal of dentistry 2012;40:644-653.
  • 2. Ray DS. Using light to enhance in-office vital bleaching may increase both efficacy and tooth sensitivity. Journal of the American Dental Association (1939) 2014;145:1159-1160.
  • 3. Gernhardt CR. In-Office-Bleaching. zwp 2011.
  • 4. CED - Council of European Dentists. Bleachinglampen - Stellungnahme/CED Statement on tooth whitening lamps. 2015.
  • 5. Costa RC, Soares D, Santos PD, Cintra L, Briso A. Effect of Different Light Sources and Enamel Preconditioning on Color Change, HO Penetration, and Cytotoxicity in Bleached Teeth. Operative dentistry 2015.
  • 6. Baroudi K, Hassan NA. The effect of light-activation sources on tooth bleaching. Nigerian medical journal : journal of the Nigeria Medical Association 2014;55:363-368.
  • 7. Martin J, Fernandez E, Bahamondes V, Werner A, Elphick K, Oliveira OB, Jr., et al. Dentin hypersensitivity after teeth bleaching with in-office systems. Randomized clinical trial. American journal of dentistry 2013;26:10-14.
  • 8. de Freitas PM, Menezes AN, Mota AC, Simoes A, Mendes FM, Lago AD, et al. Does the hybrid light source (LED/laser) influence temperature variation on the enamel surface during 35% hydrogen peroxide bleaching? A randomized clinical trial. Quintessence international (Berlin, Germany : 1985) 2016;47:61-73.
  • 9. Kielbassa AM, Maier M, Gieren AK, Eliav E. Tooth sensitivity during and after vital tooth bleaching: A systematic review on an unsolved problem. Quintessence international (Berlin, Germany : 1985) 2015;46:881-897.
  • 10. Nutter BJ, Sharif MO, Smith AB, Brunton PA. A clinical study comparing the efficacy of light activated in-surgery whitening versus in-surgery whitening without light activation. Journal of dentistry 2013;41 Suppl 5:e3-7.

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