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10.03.16 / 15:36
Zahnmedizin

Halitosis (4): Wenn das Kind Mundgeruch hat

Prof. Dr. Rainer Seemann schildert, worauf es bei der Zungenreinigung ankommt und warum Mundgeruch bei Kindern ein Alarmzeichen sein kann.



Normalerweise haben Kinder keinen Mundgeruch. Aus prophylaktischer Sicht können aber auch Kinderzungen gereinigt werden. Birgit Reitz-Hofmann - Fotolia

Was genau sollte man Patienten empfehlen: Zungenschaber oder -bürste, Zungenpasta oder -gel? Wo kann man Zungenpasta und Gel kaufen? 

Prof. Dr. Rainer Seemann: Eine eindeutige Empfehlung kann man hier leider nicht geben. Beim Kauf sollte man darauf achten, dass der Zungenschaber keine scharfen Kanten hat, damit die Zunge nicht verletzt wird. Zudem ist es empfehlenswert, zum Auftragen der Zungenpasta eine Zungenbürste zu verwenden. Patienten, die unter oral bedingter Halitosis leiden, können mit dieser Kombination langfristig gute Ergebnisse erzielen. Allerdings muss es nicht zwingend eine Zungenpasta sein. Oft sind Zahnpasten mit antibakteriellen Inhaltsstoffen, wie zum Beispiel Zinkverbindungen, Triclosan oder Aminflourid, genauso effektiv. Zungenpasten und -gele sind in der Apotheke sowie in der Drogerie erhältlich.

Inwieweit hilft die tägliche Zungenreinigung die Entstehung von Zahnbelag, Karies und Parodontitis einzudämmen?

Diesbezüglich gibt es widersprüchliche Studien: In einigen Untersuchungen konnte eine Reduktion kariogener Bakterien belegt werden. Andere Studien finden diesen Zusammenhang nicht. Grundsätzlich schadet es nicht, wenn man die Zungenreinigung in die tägliche Mundhygiene einfließen lässt.

Stimmt es, dass das Reinigen der Zunge auch die Empfindlichkeit der Geschmacksrezeptoren verbessert?

In einer eignen Untersuchung haben wir festgestellt, dass sich bei bettlägerigen älteren Patienten, die deutliche Zungenbeläge aufwiesen, der Geschmackssinn verbessert hat. Bei normaler Mundhygiene mit wenig Zungenbelag ist wahrscheinlich kein durchschlagender Erfolg zu erwarten, es ist aber nicht ausgeschlossen.

Können Kinderzungen auch mit Zungenbürsten gereinigt werden?

Normalerweise haben Kinder keinen Mundgeruch. Aus prophylaktischer Sicht können aber auch Kinderzungen gereinigt werden. Allerdings kommt es häufiger vor, dass Kinder, die einen Virusinfekt entwickeln, Mundgeruch bekommen. Die Viren sind für eine überschießende Schleimproduktion verantwortlich. Von diesem Schleim ernähren sich Bakterien und es bilden sich Beläge in der Mundhöhle. Diese Beläge sind für den unangenehmen Geruch verantwortlich. Mundgeruch kann also der Vorbote einer Erkältung sein. 

Seltener kommt es vor, dass ein Fremdkörper in der Nase Ursache des Mundgeruchs ist: Steckt sich ein Kind Dinge wie zum Beispiel Erdnüsse, Steine, Spielzeug, oder Taschentücher in die Nase, reagiert der Körper auch mit einer Abwehrreaktion. Im Hals-Nasen-Bereich wird viel Schleim produziert, der schlechtriechende Beläge in der Mundhöhle verursacht. Wenn Kinder also schlagartig Mundgeruch haben und dieser über eine bis zwei Wochen anhält, sollten Eltern überprüfen, ob sich in der Nase des Kindes ein Fremdkörper befindet. 

Birgt die tägliche Zungenreinigung auch Nebenwirkungen oder sogar Gefahren?

Wenn Patienten die Zunge mit aggressiven Bürsten und scharfen Gegenständen reinigen, kommt es zu Gewebeverletzungen und es entstehen Mikroblutungen. Deshalb raten Experten zu Bürsten mit feinsten Borsten, wie zum Beispiel Kinderzahnbürsten. Zudem ist es wichtig, Patienten korrekt anzuleiten. Von einer mechanischen Reinigung der Zunge mithilfe einer rotierenden Bürste oder einem Pulverwasserstrahlgerät rate ich dringend ab.

Prof. Dr. Rainer Seemann von der Klinik für Zahnerhaltung, Präventiv- und Kinderzahnmedizin der Universität Bern. privat

Am 12. März findet der Deutsche Halitosis Tag in Berlin statt.
 


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